Zurück Fragen an Stefan Behnisch

Oder warum Stefan Behnisch gerne in der provinziellen Stadt lebt.

1. Gute Architektur sollte …
… unsere kulturelle Landschaft bereichern, den Menschen dienen und unsere Städte lebenswerter gestalten.

2. Architekten sollten …
… sich bemühen, gute Architektur umzusetzen. Sie sollten sich stärker um die Menschen kümmern, die in den Gebäuden leben, als nur um ihren eigenen Nachruf.

3. Gibt es Gebäude, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?
Sicherlich gibt es einige Gebäude. Es sind nicht zwangsläufig die Gebäude, die wir in den Zeitungen sehen, sondern eher die programmatischen Gebäude. Die Gebäude, die in der Vergangenheit Meilensteine gesetzt haben. Das beginnt beim Pantheon in Rom, über Gebäude von Le Corbusier und Frank Lloyd Wright, bis hin zu zeitgenössischen Gebäuden, die mit ihrem Bau großen Einfluss genommen haben. Das sind nicht zwangsläufig die Gebäude, die besonders herausragend sind, sondern vielmehr die Wegweisenden: Frank Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao beispielsweise war fantastisch und eben das Erste seiner Art.

4. Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Ich bin ein sehr rationaler Mensch und kein „aus dem Bauch heraus“-Architekt. Meine Inspiration kommt aus dem für mich Erklärbaren. Architektur ist eine kollektive Leistung, zumindest wie wir sie praktizieren. Dabei werde ich durch das Gespräch und die Argumentation inspiriert. Ich mag die Diskussion und ich mag die Auseinandersetzung mit Architektur. Natürlich inspirieren mich zudem auch Dinge, die ich gesehen habe. Das müssen nicht unbedingt Gebäude sein. Es sind eher Erinnerungen und Bilder, die mich inspirieren.

5. Was war Ihr bislang größter Erfolg?
Wenn wir den wirtschaftlichen Erfolg außer Betracht lassen, gibt es Meilensteine in unserer architektonischen Entwicklung, die uns nachhaltig geprägt haben. Das IBN – Institute for Forestry and Nature Research in Wageningen (NL), ein europäisches Pilotprojekt für nachhaltiges Bauen, hat eine große Rolle gespielt. Das Genzyme Center in Cambridge (MA, USA) war das erste Lead Platin Gebäude, aber auch die Norddeutsche Landesbank in Hannover hat das Büro geprägt. Dies waren Projekte, die das Büro einen oder gleich mehrere Schritte voran gebracht haben und von denen wir sehr profitiert und lange gezehrt haben. Aber auch nicht gebaute Projekte können große Erfolge sein, bei denen es um Konzepte und Ideen geht.

6. Welche Rolle spielen für Sie Wettbewerbe?
Wettbewerbe sind für unser Büro sehr wichtig. Fast alle unsere Aufträge werden durch Wettbewerbe generiert. Da gibt es die deutsche- und die schweizer-Art der Wettbewerbe, die größtenteils anonyme Entwurfswettbewerbe sind, aber es gibt auch die angelsächsische Methode, die Interview-Wettbewerbe. Wir nennen sie immer Beauty-Contest (lacht). Am Anfang des Wettbewerbes muss man sich als Büro qualifizieren und dann im Gespräch seine Herangehensweise erläutern. Dabei geht es letztendlich nicht um den fertigen Entwurf, sondern um die Annäherungsweise an die Aufgabe. Diese Wettbewerbe sind ganz erfolgreich, weil sie nicht nur die entwurfliche Arbeit oder das Konzept beurteilen, sondern auch, ob die Zusammenarbeit zwischen Architekt und Bauherr funktionieren wird oder eben nicht.
Generell halte ich Wettbewerbe für sehr wichtig, aber wir sollten aufhören, die Architektur in wichtige und nicht wichtige Bauaufgaben zu unterteilen. Architektur ist wahrscheinlich das prominenteste Artefakt der Menschheit. Sie definiert Ort, Zeit und Geschichte. Dadurch spielt sie eine große Rolle in unserem kulturellen Leben. Wir Architekten sollten den gemeinsamen Wettbewerb dazu nutzen, die Gesellschaft kulturell weiterzuentwickeln und die Qualität unserer gebauten Umwelt sicherzustellen. Interessant ist, dass wir in den Ländern, die ein ausgeprägtes Wettbewerbswesen haben, wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, eine relativ hohe architektonische Durchschnittskultur haben. Auch die „normalen“ Bauten haben hier eine relativ hohe architektonische Qualität. Erstaunlicherweise haben wir aber relativ wenig Gebäude von einzigartiger herausragender Qualität. Wir haben einen sehr guten Standard. Es wird oft gesagt, herausragende Architektur sei nur noch in absolutistischen Ländern möglich, weil dort die demokratischen Regeln ausgehebelt sind. Das ist gut möglich, aber in diesen Ländern wollen wir nicht leben. Vielleicht ist damit die Zeit der „Großen Würfe“ auch vorbei, denn es ist eher verwerflich, bestenfalls scheinheilig, Systeme zu nutzen, die man verachtet und die man niemals als das eigene Lebensumfeld akzeptieren würde, um „Großes“ zu planen. Diesen Pragmatismus überlassen wir der Politik. Wir müssen versuchen, unsere gebaute Umwelt so gut wie möglich zu gestalten und da ist das Wettbewerbswesen ein ganz entscheidendes Element.

7. Welches Projekt steht bei Ihnen als nächstes an? Woran arbeiten Sie gerade?
Dadurch, dass wir für deutsche Verhältnisse ein relativ großes Büro sind und Standorte in Stuttgart, München und Boston haben, bearbeiten wir eine Vielzahl an Projekten. In Stuttgart arbeiten wir derzeit an dem Verwaltungsgebäude für Adidas, das ein sehr auffälliges und besonderes Projekt ist. Dann haben wir in Lausanne (CH) das AGORA – Cancer Research Center fertiggestellt und in Boston realisieren wir den Harvard University Science and Engineering Complex, das aufwändigste Gebäude, das wir je geplant haben. Auch dieses ist ein Wettbewerbsentwurf. In München bearbeiten wir auch sehr interessante Projekte: Rathäuser und Schulen. Dort machen wir primär öffentliche Bauten, alle sind aus Wettbewerben oder VOF-Verfahren entstanden. Zudem arbeiten wir dort für einen guten Bauherren, einen privaten Investor. Ich arbeite sonst kaum für Investoren, aber es ist eine Familie, die sich von uns Wohngebäude zum Verkaufen und Vermieten bauen lässt. Es sind sehr gute Bauherren, weil sie verstanden haben, dass man mit dem Ort anständig umgehen muss. Alles in allem sind es viele tolle Bauaufgaben und ein breites Spektrum.

8. Wo würden Sie am liebsten wohnen?
Eigentlich wohne ich ganz gerne dort, wo ich wohne. In Stuttgart habe ich den großen Vorteil gegenüber Städten wie München, Köln oder Hamburg, dass ich zugeben kann, dass Stuttgart keine besondere Stadt ist. Ich fühle mich nie angehalten, diese Stadt zu verteidigen und kann sagen, dass es ein bisschen provinziell und langweilig ist. Andererseits lebt man dort sehr gut, denn die Lebensqualität ist sehr hoch. Ich habe in Los Angeles gelebt und ich lebe teilweise noch in Boston. Das sind auch tolle Städte, aber sehr aufregend. Ich mag Los Angeles gerne und überlege, ob ich vielleicht mit meiner Frau wieder ein Jahr dort hinziehe. Die Kinder studieren jetzt und sind aus dem Haus. Aber tatsächlich lebe ich gerne in Stuttgart.

9. Was raten Sie jungen Architekten?
Ich bin nicht unbedingt die geeignete Person um Ratschläge zu erteilen, aber ich unterrichte ja oft an Hochschulen als Gastprofessor und da rate ich meinen werdenden Kolleginnen und Kollegen, am Anfang in einem guten Büro zu arbeiten und das Handwerk richtig zu lernen. Ich rede hier nicht über Ausführungsplanung oder Ausschreibung, sondern über die geistige Freiheit des Entwurfes mehr zu erfahren und Grenzen auszuloten. Das können sie besser in kleineren Büros tun, wo sie ganzheitlich an den Projekten mitarbeiten können, als in großen Maschinen. Ich rate ihnen auch mutig zu sein. Wir sind nicht in die Situation gekommen, in der sich unser Büro jetzt befindet, indem wir es uns leicht gemacht haben oder viele Kompromisse eingegangen sind. Fast die Hälfte der Projekte, die wir in Wettbewerben gewonnen haben, sind nicht gebaut worden, teilweise, weil wir nicht bereit waren unlautere Kompromisse einzugehen. Ich glaube mit einer gewissen Sturheit und Überzeugung kommt man langfristig weiter. Vielleicht nicht ökonomisch, aber ich lebe ganz gut.

10. Wenn Sie nicht Architekt geworden wären, was wären Sie heute?
Journalist. Ich habe erst Philosophie und Volkswirtschaft studiert. Philosophie bis zum BA, Volkswirtschaft bis zum Vordiplom. Ich wollte aber immer Journalist werden. Ich schreibe sehr gerne. Ich war nie unzufrieden mit meiner Entscheidung Architekt zu werden, aber bis heute denke ich manchmal, Schreiben hätte auch etwas Tolles.
Behnisch Architekten
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