Harald Jung, Unternehmer
Herbert W. Richter, Designer

Im Gespräch: Harald Jung und Herbert W. Richter

Entstehung und Erfolg eines Schalterklassikers

Herr Richter, Sie sind ausgebildet als Grafiker. Wie sind Sie seinerzeit an die Aufgabe, einen Lichtschalter zu entwerfen, herangegangen und wie kam es schließlich zu der Form?

Herbert W. Richter: Im Prinzip hat sich die Grundform als Basis fast von selbst ergeben: Die Firma JUNG wollte einen großflächigen Schalter. Ich habe daraufhin die Techniker gefragt, wie groß die Flächen denn maximal sein könnten. Aus dem technisch bedingten, größtmöglichen Stichmaß innen von 71 x 71 Millimetern und dem Überdeckungsmaß von 81 x 81 Millimetern ergaben sich die Möglichkeiten für das Design: Eine Bedienfläche von 70 x 70 Millimetern mit 5 Millimetern Rahmen außen herum.

Der Schalter wirkt sehr grafisch. Könnte man sagen, er sieht so aus, weil er von einem Grafiker gestaltet wurde?

Herbert W. Richter: Ja, natürlich, aber das ist ja an sich nichts Negatives.

Im Nachhinein gesehen ist das sogar sehr positiv. Hätten Sie damals geahnt, was Sie mit Ihrem Entwurf bewirken?

Herbert W. Richter:
Nein, nicht im Geringsten. Das zeigt sich auch im Katalog von damals. Wir haben LS 990 seinerzeit nur mit einer einzigen Seite angekündigt, denn wir wollten erst einmal vorsichtig testen, ob
das Programm überhaupt angenommen wird. Da wurde auch kein großes Brimborium gemacht, etwa in der Art: Wir haben da eine neue Produktlinie. So war das System dann lange Zeit auch nur eines von vielen bei JUNG. Erst in den letzten 25 Jahren hat es sich überproportional entwickelt.

Heute ist das Programm bei Architekten sehr beliebt. Hatten Sie seinerzeit diese Zielgruppe schon speziell im Auge oder wollten Sie einfach nur den bestmöglichen Schalter nach den Vorgaben des Kunden entwickeln?

Herbert W. Richter:
Sowohl als auch. Aufgrund meiner Herkunft aus der Grafik war mir natürlich an einer geradlinigen, schnörkellosen Form gelegen, wie sie naturgemäß auch bei Architekten gut ankommt. Doch das gilt für jedes Produktdesign: Eine klare Form und eine Gestaltung, die die Funktion erkennen lässt und unterstützt, ist langfristig immer die beste Lösung.
Harald Jung: Genauso dachte auch mein Vater Siegfried Jung.

Welchen Stellenwert hat LS 990 heute innerhalb der Firma?

Harald Jung: LS 990 ist das umsatzstärkste Programm. Dafür gibt es auch die meisten Varianten. LS bietet einfach sehr viele Möglichkeiten, in einen Rahmen etwas hineinzupacken. Dabei hatte die Branche immer wieder Gerüchte gestreut, dass wir das Programm LS einstellen würden. Einfach, weil wir unsere Wettbewerber so geärgert haben mit unserem Erfolg und den ständigen Erweiterungen wie neuen Materialien und neuen Farben.

Herbert W. Richter:
Wir müssen aber auch sehen, dass es im Markt Geschmackstrends gibt, die sich wellenförmig zeigen. So erlebte das Programm während der vergangenen 50 Jahre immer wieder Höhen und Tiefen – und genauso wird es weitergehen. Momentan erfährt die geschmackliche Entwicklung (und damit LS) gerade einen Aufwärtstrend, ich hoffe, dass dieser noch lange anhalten wird.

Wie kam es zu Materialien wie Aluminium, Edelstahl oder der Version in Schwarz?

Herbert W. Richter: Der Impuls für die schwarzen Rahmen kam von dem Architekturbüro schneider+schumacher. Ebenso wie der für das LS Programm in Lichtgrau, das sich Norman Foster für den Reichstag
in Berlin gewünscht hatte. Und auch die Ausführungen in Aluminium und Edelstahl sind auf Wunsch von Architekten für konkrete Gebäude entstanden.

Harald Jung:
Manchmal kommen auch die Wettbewerber mit Innovationen auf den Markt, worauf wir reagieren müssen. Mit neuen Materialien etwa oder eben mit Farben. Les Couleurs® Le Corbusier kam im Grunde genommen über unsere Marketing-Abteilung. Und ich gebe zu, dass ich seinerzeit unterschätzt habe, was für einen Erfolg das bei
Architekten und Innenarchitekten werden würde. Andere Neuerungen wie LS Zero sind direkt bei uns entstanden. Wir haben erkannt, dass der Trend zur flächenbündigen Innenraumgestaltung geht und beschlossen, darauf zu reagieren. Und zwar mit dem Programm, das dafür prädestiniert ist.
 

Harald Jung, Unternehmer
Herbert W. Richter, Designer
Und was wird als nächstes kommen?

Harald Jung:
Im Moment geht es vor allem darum, die unterschiedlichsten elektronischen Anwendungen für die Gebäudesteuerung in das System zu integrieren wie kleine Bildschirme
für Türsprechanlagen oder Radios. Am Basisdesign aber werden wir nichts ändern.

Herbert W. Richter: Ich wünsche mir schon seit längerem für das Programm ein Display von 71x71 mm, das wir aus verschiedensten
Gründen bislang nicht haben. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer Ideen, die noch auf ihre Machbarkeit hin überprüft werden
müssen.

Denken Sie auch über weitere Materialien nach? Man könnte die Schalter ja auch aus Holz machen oder vielleicht sogar aus Beton?

Harald Jung: Wir haben schon über die unterschiedlichsten Materialien nachgedacht, über Keramik etwa, über Carbon oder über Schalter und Rahmen komplett aus Glas. Das lies sich bislang aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht umsetzen. Aus Carbon würde ein einziger Schalter beinahe 400 Euro kosten, das würde wahrscheinlich niemand dafür ausgeben oder jedenfalls zu wenige, um industriell fertigen zu können. Allerdings haben wir mittlerweile eine Manufaktur, wo wir manches auch individuell herstellen können. Das ermöglicht uns eine
enorme Produkttiefe. Zudem unterscheidet es uns von asiatischen Wettbewerbern und schützt uns vor Nachahmern. Neben dem Schalter und der Steckdose bieten wir innerhalb der Produktlinie auch Anwendungen wie eine Türsprechanlage, ein Telefon oder eine
TV-Steckdose.

Herr Jung, Sie haben gerade Ihre ausländischen Wettbewerber erwähnt. Haben Sie selbst jemals daran gedacht, außerhalb der bestehenden Standorte in Schalksmühle oder Lünen oder gar im Ausland zu fertigen?

Harald Jung: Vor vielleicht 25 oder 30 Jahren haben wir einmal überlegt, mit einem Teil der Firma oder wenigstens einem Fertigungswerk nach Baden-Württemberg zu gehen, weil dort einer unserer Absatzschwerpunkte liegt.
Doch meinem Vater und dem damaligen Mitgeschäftsführer Herrn Schulte wurde dann schnell klar, dass wir hier in Schalksmühle und Lünen unsere hoch motivierte und eingespielte Belegschaft haben. Ein neues Fertigungsgebäude irgendwo hinstellen und Maschinen kaufen kann schließlich jeder. Eine gewachsene Mitarbeiterstruktur aber lässt sich nicht so leicht ersetzen. Außerdem fühlen wir uns natürlich auch unseren Mitarbeitern gegenüber in der Pflicht. Für uns kommt der Mensch vor dem Schalter. Tatsächlich generieren wir deshalb einen Großteil der Wertschöpfung hier in der Region und über 90 Prozent unserer Fertigung findet in Deutschland statt. Und das ist sogar vom TÜV zertifiziert. Also nicht wie bei anderen, die vorgeben, in Deutschland zu fertigen und dann einen Teil der Produktion nach Polen, Tschechien oder gar China auslagern.

Aber manchmal werden doch auch Sie den Druck spüren, nach Asien zu gehen, um dort billiger zu produzieren.

Harald Jung:
Das mag kurzfristig vielleicht funktionieren, langfristig aber bestimmt nicht. Schließlich haben wir so viel automatisiert, dass es kaum möglich sein wird, die Massenprodukte dort günstiger zu bekommen. Der nächstgelegene Zulieferer befindet sich in unmittelbarer Nähe. Er produziert Sockel für die Steckdosen. Auch die meisten anderen Lieferanten befinden sich im Umkreis von 40 bis 50 Kilometern von Schalksmühle.

Zum Schluss würde mich noch interessieren, wie der Schalter in Zukunft aussehen wird. Haben Sie da eine Vision?

Herbert W. Richter:
Die klassischen Schalter werden sich in geringem Maße dem jeweiligen Zeitgeschmack anpassen, ansonsten aber kaum verändern. Parallel dazu wird sich die elektronische Schiene weiterentwickeln. Hier konkrete Voraussagen zu treffen, wäre Kaffeesatzleserei. Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass es den mechanischen Schalter, der des Öfteren schon totgesagt wurde (von
elektronikbegeisterten jungen Leuten) auch in 20 oder 30 Jahren noch geben wird.

Harald Jung: Auch ich bin davon überzeugt, dass der klassische, mechanische Schalter bestehen bleiben wird. Doch die Zukunft gehört
auch den vernetzten Haushalten. Und dafür sind wir mit unseren KNX-Lösungen bestens gerüstet.

Das Interview führte Christian Schittich, Architekt und Fachautor.