Im Gespräch: Wolfram Putz

GRAFT, Berlin

Ihr Büro Graft ist neben seiner Architektur auch für einige spektakuläre Innenausbauten bekannt. Welche Bedeutung hat für Sie ein Lichtschalter?

Wolfram Putz: Man darf die Bedeutung eines Lichtschalters nicht unterschätzen, denn er bietet eine sinnliche, oder besser gesagt sogar ganzheitliche Erfahrung durch seine Optik und seine Haptik. Neben dem Türdrücker und der Waschtischarmatur gehört er zu den wenigen Produkten, durch die der Nutzer mit dem Gebäude direkt in Berührung kommt.

Welche Anforderungen stellen Sie an einen guten Schalter?

Wolfram Putz:
Für uns ist neben der Ästhetik auch wichtig, dass er zeitlos ist, ein Klassiker eben. Denn Lichtschalter und Steckdosen gehören zu den Dingen, die man sehr selten austauscht. Selbst Türdrücker werden häufiger gewechselt. Das mag an den höheren Investitionskosten liegen, aber auch daran, dass man sie nicht selbst installieren sollte. Selbst wenn jemand sein Haus vollkommen in Eigenleistung errichtet, werden Elektroinstallationenimmer vom Fachmann montiert.

„Man darf die Bedeutung eines Lichtschalters nicht unterschätzen, denn er bietet eine sinnliche, oder besser gesagt sogar ganzheitliche Erfahrung durch seine Optik und Haptik.“
 

Kommen wir zu LS 990 – was überzeugt Sie daran?

Wolfram Putz: Der JUNG Schalter ist für mich ein gelungenes Beispiel für einen Gebrauchsgegenstand, der entsprechend der Philosophie des Bauhauses auf seine wirkliche Essenz, also das absolut Wesentliche, reduziert ist und damit für die unterschiedlichsten Architekturen verwendbar wird. Das System können wir in einem extrem organischen Innenausbau ebenso einsetzen wie in einer relativ nüchternen, präzisen, minimalistischen Architektur. Wir selbst decken als Architekten typologisch und gestalterisch eine große Bandbreite ab und der Schalter kann uns überall begleiten. Was uns auch überzeugt, ist das Produktdesign selbst: Seine Kantigkeit, seine optische Schärfe, seine Details.

Eine wahrer Klassiker von Graft, ein ausgesprochen organisch anmutender Innenausbau, bei dem Sie LS 990 verwenden, ist die 2005 fertig gestellte Zahnarztpraxis KU64 in Berlin. Was ist hier das zugrundeliegende Entwurfskonzept?

Wolfram Putz: Die Praxis spielt mit der Erwartungshaltung der Menschen, die zum Zahnarzt gehen. Um ihnen die Angst vor dem Besuch zu nehmen, sieht sie nicht nur grundlegend anders aus als übliche Praxen, sondern bietet auch eine vollkommen andere Atmosphäre. Sobald der Patient die Räume betritt, befindet er sich in einer künstlichen Landschaft, die mit ihren gewellten Formen und der aufheiternden gelb-orangen Farbgebung an Dünen und damit den Strand erinnert.
Das weckt die Neugierde und das Spielerische in uns und führt damit auch zu Ablenkungsmechanismen. Gleichzeitig ist alles sehr offen und weit angelegt, ganz im Gegensatz zu herkömmlichen Praxen. Noch heute kann der Besucher vom Eingang bis ans Ende des Lofts sehen. Die einzelnen Behandlungskabinen sind durch Glasschlitze aufgebrochen, trotzdem bleibt die Intimität gewahrt. Der Patient, der im Zahnarztstuhl sitzt, kann nicht gesehen werden, sobald er aber aufsteht hat er den Eindruck von Transparenz. Alles in allem ist es eine Architektur, die sich jedem sofort erschließt, dem Fachmann ebenso wie dem Laien.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Schalterprogramm dafür gewählt?

Wolfram Putz:
Zunächst einmal brauchten wir einen sehr wertigen Schalter, der eine Art Präzisionsversprechen erfüllt. Der Zahnarzt
arbeitet ebenfalls mit edlen Materialien und präzisen Maschinen. Und neben seinen sehr teuren Behandlungsstühlen wollten wir schon einen ebenbürtigen Schalter. Daneben war uns die Zeitlosigkeit wichtig. Unser Entwurf zeigte seinerzeit ja etwas vollkommen Neues und wurde von manchen durchaus als eine modische Geste gesehen. Wir waren aber von Anfang an von der Beständigkeit unseres Konzepts überzeugt. Rückblickend gibt der Erfolg diesem Recht. Die Praxis weitet sich immer mehr in dem Gebäude aus – wir haben gerade die dritte Erweiterung fertiggestellt.

Das Interview führte Christian Schittich, Architekt und Fachautor.


KU64, Berlin - Architekt: GRAFT Berlin - Ausgestattet mit JUNG LS 990 in Alpinweiß. © HIEPLER, BRUNIER