Klang der Farben:

Architektonische Farbgestaltung mit der Polychromie architecturale von Le Corbusier

„Zum Leben braucht der Mensch Farbe“: Dieser Meinung war Le Corbusier (1887–1965), einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Bis heute beeinflusst sein Werk maßgeblich Architektur und Formgebung. Begeistert von den ausgeglichenen Farben der Natur, baute Le Corbusier seine „Polychromie architecturale“ auf einer intelligenten und künstlerischen Auswahl von Pigmenten auf. Anlässlich des 50. Todesjahres von Le Corbusier widmete sich die Veranstaltung von ANKER, JUNG und KEIMFARBEN am 09. Juli 2015 – im Rahmen des Hamburger Architektursommers – seinem einzigartigen Farbsystem.

Über die architektonische Farbgestaltung mit der Polychromie architecturale referierte Prof. Thomas Luippold von der Les Couleurs Suisse AG aus Zürich/Schweiz. Aus Sicht einer Innenarchitektin berichtete Dorothee Maier, von Meierei Innenarchitektur / Design aus München, von ihrer Arbeit mit Farben. Der Elektronik-Komponist Thomas Kessler interpretierte zusammen mit dem Saxophonisten Bernd Winterschladen die Farbsystematik Le Corbusiers musikalisch.

Am 09. Juli 2015 stand die Hamburger Freie Akademie der Künste ganz im Zeichen Le Corbusiers. Schon zu Beginn wurden die Zuhörer mit dem „Klang der Farben“ empfangen. Dazu ließen Bernd Winterschladen und Thomas Kessler gekonnt Bild- und Klangwelten verschmelzen. Die Idee Le Corbusiers Farbsystem Gehör zu verschaffen, kam dem Architekten und Musiker Kessler bereits 2008. Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Polychromie architecturale, so erzählt Kessler, mischte das Duo rein subjektiv die ersten Klänge zusammen. Eine Arbeitsweise, die exakt der von Le Corbusier entspricht. Denn auch er mischte seine Farben rein subjektiv zusammen, so berichtet Kessler.

„Die Farben in der Architektur, ein ebenso kräftiges Mittel, wie der Grundriss und der Schnitt“. (Le Corbusier)
Die Polychromie architecturale, erklärt Prof. Thomas Luippold von der Les Couleurs Suisse AG, ist ein Bestandteil des Grundrisses und des Schnittes. Sein einzigartiges Farbsystem entwickelte Le Corbusier in zwei Etappen. 1931 mit 43 gedämpften Nuancen und 1959 mit 20 kräftig dynamischen Tönen. Die Klaviaturen der Farben basieren dabei auf der Wiederholung weniger Grundtöne, von denen Le Corbusier weitere Töne ableitete. „Die 63 Farben repräsentieren die Töne der Natur und sind schon deshalb kombinierbar, weil auch die Natur harmonisch ist und das erleichtert die Farbgestaltung unheimlich“, erläutert Prof. Luippold. „Jeder einzelne Farbton ist gekonnt definiert und impliziert gezielte Farbwirkungen“, so der Geschäftsführer der Les Couleurs Suisse AG weiter.

Anders als wahrscheinlich bei den meisten Menschen, spielten bei Le Corbusier weder der persönliche Geschmack noch die Mode eine Rolle bei der Auswahl der Farben. Der Schweizer Architekt und Künstler sah „Farbe (als) 5. Dimension“. Daher „müsste man jene Farben verbieten, welche die Wände ihrer Wirkung berauben“. Das heißt, die Farben die man als unarchitektonisch bezeichnet, sollten laut Le Corbusier ausgeschlossen werden.

In der Polychromie architecturale hat jede Farbe ihre ganz eigene, spezifische Wirkung auf den Raum. Und das, so Prof. Luippold, ist einer der wesentlichen Punkte. Denn das Farbsystem umfasst Farbtöne, die eine höchste Farbwirkung und einen höchsten Farbreichtum erreichen. Jeder der 63 Töne verkörpert eine bestimmte räumliche Wirkung; alle Farben sind so gewählt, dass diese Wirkung ganz einfach gestaltet werden kann.

Anders als bei anderen Farbsystemen/Farbfächern gibt es in der Polychromie architecturale zur Auswahl und Kombination von Farben unterstützende Farbstimmungen. Diese Klaviaturen sind ein „einzigartiges Werkzeug, um Farbe noch besser auszuwählen“.

Die Klaviaturen der Farbe
Le Corbusiers Farbklaviaturen oder Stimmungen sind mit Begriffen, wie „Raum“, „Himmel“ oder „Sand“ bezeichnet. Insgesamt sind die 63 Farben in neun Farbgruppen (Weiß, Grau, Blau, Grün, Ocker, Orange, Rot, Rot-Ocker und Umbra) eingeteilt. Durch eine intelligente Codierung ist diese Zuordnung numerisch abzulesen. Dadurch ist die Polychromie ein sehr einfaches System.

Das Anliegen der Les Couleurs Suisse AG ist es, die Polychromie architecturale „authentisch in Architektur und Design wieder zum Leben zu erwecken“. Durch die gezielte Ansprache von Herstellern ist über wenige Jahre ein Netzwerk entstanden. Partner dieses Netzwerkes sind unter anderem die Unternehmen ANKER, JUNG und KEIMFARBEN. Mit ihren Produkten ist die Polychromie architecturale, als beeindruckendes Ergebnis Le Corbusiers Erfahrung als Architekt, Designer, Künstler und Farbgestalter, heute weltweit exklusiv auch in Form von Teppichböden, Wandfarben oder Schaltern erhältlich. Ebenso wie die Protagonisten eines Orchesters, spielen die Farben der „Polychromie architecturale“
und damit auch die Produkte der Les Couleurs Netzwerkpartner harmonisch aufeinander abgestimmt, zusammen.

Für die Arbeit der Münchener Innenarchitektin Dorothee Maier bedeutet das einen immensen Gewinn: Denn das harmonische Zusammenspiel von Farben ist Teil ihrer täglichen Arbeit. Am Beispiel einer Boutique in der bayerischen Landeshauptstadt, erläutert sie wie „dankbar sie über die Fusion von ANKER, JUNG und KEIM FARBEN“ ist. Denn durch die absolute farbliche Stimmigkeit zwischen den unterschiedlichen Produkten der drei Hersteller, gelingt der „Spagat zwischen Corporate Identity und Wandfarbe“ mit Bravour.

Gleiches gilt für einen Messestand für den BDIA zum Thema Les Couleurs. Hier bemalten die Innenarchitekten von Meierei Innenarchitektur / Design 18 Tafeln mit den 63 Les Couleurs® Le Corbusier Farben. Passend dazu wurden JUNG Schalter im Design des Schalterklassikers LS 990 in Les Couleurs® Le Corbusier installiert. Das Ergebnis: „Die Farbe matcht mit den Schaltern“ und auf den 280 cm x 135 cm großen axial gelagerten Tafeln ergab sich „ein sehr schönes buntes Farbflirren“. Zusätzlich wurden durch die Drehbarkeit der Tafeln „wahnsinnige Räume geschaffen“.

Pixel als Schlüssel zur Gestaltung
Nicht nur die Polychromie architecturale auch das Thema Farbe an sich bietet für Dorothee Meier unendliche Möglichkeiten der Gestaltung. Grundlegende Herangehensweise bei ihrer Arbeit ist zunächst immer die Frage „welche Farbe, in welcher Menge und an welchem Ort“ eingesetzt werden soll. Um hierauf Antworten zu finden und Fehlern in der Gestaltung von Räumen auf die Spur zu kommen, hat das Münchener Büro ein spezielles Farbsystem entwickelt. Zunächst werden Aufnahmen der Räume gemacht, welche dann grob verpixelt werden, so erklärt Maier. Durch das so entstandene Farbraster lassen sich dann leicht einzelne Farbfamilien erkennen – losgelöst von Materialien. Aus diesen Erkenntnissen entwickelt Meierei Innenarchitektur / Design dann Materialvorschläge.

Ihre Inspiration bezieht Maier unter anderem durch ihren Blick auf andere Kulturen oder Theaterbühnen. Ihre „erste Inspiration (aber) ist eigentlich das Essen“. Daneben beobachten die Münchener Innenarchitekten natürlich auch den Markt. Momentan gibt es hier sehr viele laute, aber auch sehr viele leise Farben. „Matte, zarte Farben, verblichene Pastelltöne, die man aus den 1950er Jahren kennt und welche auch sehr stark in den Les Corbusier Farben auftauchen“. Durch das Zusammenspiel von leisen und lauten Farben entstehen starke Kontraste. Dieser Trend spiegelt nach Maiers Auffassung auch unsere heutige Einstellung zum Leben wider: „Eigentlich haben wir den Wunsch solide zu leben, aber wirklich langweilig möchten wir auch nicht sein“. Oder wie Prof. Luippold es mit den Worten Le Corbusiers ausdrückt: „Ganz in Weiß ist das Haus, wie ein Sahnetopf“. Denn selbst wenn Weiß eine Farbe ist, lässt diese die Buntheit außer Acht, so Luippold weiter. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Weiß nicht verwendet werden soll, aber man gibt eine Menge an Gestaltung auf, wenn man nur Weiß nimmt.

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