Foto: © Martin Stollenwerk - „Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite, Zürich“

Fragen an Amandus Sattler

Oder warum Amandus Sattler in der Flüchtlingskrise eine Chance für die Architektur sieht.

1. Gute Architektur sollte …

… sinnliche Erfahrung im Gebrauch ermöglichen und die Menschen berühren. Architektur kann das leben der Menschen verbessern.

2. Architekten sollten …

… einen nachhaltigen Weg nicht nur über Technik suchen, sondern als Komplementär auch
über Ästhetik.

3. Was war bislang Ihr größter Erfolg?

Die Herz Jesu Kirche natürlich (lacht). Die Herz Jesu Kirche war unser Key-Projekt. Damit ist uns der Durchbruch gelungen.

4. Welches Projekt steht als nächstes an? Woran arbeiten Sie gerade?

Wir arbeiten immer an 15 verschiedenen Projekten gleichzeitig.

5. Welches davon ist für Sie das Wichtigste?

Das kann man so nicht sagen. Alle Projekte haben für sich ihre Berechtigung und ihre Wertigkeit. Aber ein Projekt, das sich gerade im Rohbau befindet ist für München etwas Neues. Die „Friends“-Wohntürme der LBBW-Immobilien am Hirschgarten. Hier ist es uns gelungen, ein zeitgemäßes Wohnkonzept mit spannender Architektur zu verbinden. In zwei Fünzigmetertürmen gibt es „shared spaces“ Flächen die von den Bewohnern gebucht werden können. Wohnkonzept und außergewöhnliche Architektur bringen Identität in ein neu entwickeltes Wohnviertel.

6. Was bedeutet für Sie Zuhause?

Zuhause bin ich überall, wo ich freundlich empfangen werde. Ich fühle mich an sehr vielen Orten der Welt zuhause. Auch in München bin ich schon neun Mal umgezogen. Ich habe nicht so einen starken Heimatbezug.

7. Von wem hätten Sie sich gern ihr Haus bauen lassen?

Gute Frage! Ich denke in den frühen Jahren – und vielleicht wäre das der Moment gewesen in dem ich mir ein Haus hätte bauen lassen – war Jean Nouvel ein Vorbild. Ja, und heute würde ich es gerne mit Olafur Eliasson zusammen machen.

8. Worin sehen Sie die künftige Herausforderung für Architekten?

Tja, da gibt’s ´ne Menge! Ich glaube wir müssen auch wieder politisch agieren! Wir müssen uns als Architekten wieder einmischen in die Themen und Entwicklungen unserer Gesellschaft. Wir haben uns aus vielen Prozessen herausdrängen lassen und haben dabei an Relevanz verloren. Die müssen wir jetzt mit großem Engagement wieder zurückgewinnen.

9. Welche Rolle spielen für Sie Wettbewerbe?

Wettbewerbe sind für uns nach wie vor ein wichtiges Akquisitionsinstrument. Wir machen aber leider öfter die Erfahrung, dass es für uns als solches nicht mehr funktioniert. Wir gewinnen erste Preise, die dann nicht verwirklicht werden. Deshalb haben wir eine sehr kritische Einstellung zum Wettbewerbsverfahren. Wir glauben, dass das Wettbewerbswesen grundlegend reformiert werden muss.

10. Das ist ja immer auch eine wirtschaftliche Frage.

Richtig. Meistens müssen die Architekturbüros umsonst arbeiten. Sie schenken ihre guten Ideen her, um dann eventuell ein Projekt zu gewinnen, was vielleicht gar nicht gebaut wird.

11. Das ist vor allem für kleine und junge Büros eine Herausforderung, die oft gar nicht zu leisten ist.

Ja, das ist ganz schwierig geworden. Ich bin persönlich sehr unglücklich mit dem Zustand, dass junge Büros keine Chancen mehr haben bei vielen Wettbewerben zugelassen zu werden. Aber es formiert sich gerade unter den Kollegen ein Widerstand. Auch die Einstellung der Architektenkammern zum Wettbewerb empfinden wir oft als nicht förderlich für uns. Eine Novellierung der Wettbewerbsverfahren ist also absolut zwingend.

12. Denken Sie, dass es dazu kommen wird?

Klar, aber nur, wenn wir uns darum kümmern. Das übernimmt kein Anderer für uns.

13. Was raten Sie jungen Architekten?

Wenn man eine Leidenschaft für diesen Beruf hat, gibt es Möglichkeiten, seinen Weg zu finden. Vielleicht nicht mehr so wie früher, aber es gibt sie. Wir konnten damals noch ungehindert an Wettbewerben teilnehmen, sie gewinnen und durften auch bauen. So sind wir auch an größere Aufträge gekommen. Heute, glaube ich, sind die jungen Architekten von ihrem Wissen und Bewusstsein in der Lage, in hybriden Strukturen interdisziplinär zu agieren. Sie suchen sich andere Zugänge zur Architektur. Auch Auslandserfahrungen sind ein ganz wichtiges Kriterium. Ich kann jungen Architekten nur empfehlen, sich in der Welt umzuschauen, andere Atmosphären, aber auch andere Wertschätzung kennenzulernen. In Deutschland läuft die Architektur nicht unter den besten Bedingungen. Die Beachtung von Architektur ist in anderen Ländern bei weitem besser. Im skandinavischen Raum zum Beispiel, aber auch in der Schweiz und in Österreich.

14. Also sind wir in Deutschland Ihrer Meinung nach etwas verbohrt?

Wir glauben in Deutschland ja sehr daran, alles regeln zu müssen. Gesetze, Normen und Technik haben einen hohen Stellenwert. Damit beschränken wir aber unsere eigenen Möglichkeiten unglaublich stark.

15. Da können wir ja nur hoffen, dass wir in Deutschland den Anschluss nicht verpassen.

Ja, so komisch es klingen mag, dabei helfen uns derzeit ja auch die Flüchtlinge. Da ist plötzlich ein Innehalten. Eine Überlegung, wie es eigentlich weitergeht. Viele Lösungsansätze die naheliegend wären, sind derzeit gesetzlich gar nicht möglich. Einfache Ideen, wie man mit der Flüchtlingskrise umgehen könnte, auch im Zusammenhang mit dem Gebäudebestand, lassen sich durch unsere Überregulierung überhaupt nicht verwirklichen. Seit man das erkannt hat, haben viele schon Angst, wir könnten unseren hohen Anspruch an technischen Anforderungen mindern. Andere sehen aber eine Chance darin, jetzt die eine oder andere Anforderung noch mal zu überdenken.

16. Wenn Sie nicht Architekt geworden wären, was wären Sie dann heute?

Ich wäre Reisejournalist und würde sehr viel fotografieren, und zwar vor allem Menschen.
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