Foto: © Martin Stollenwerk - „Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite, Zürich“

Fragen an Martin Haller

Oder warum für Martin Haller Erfolg auch immer aus Scheitern besteht.

1. Gute Architektur sollte …

… soziale Relevanz haben.

2. Architekten sollten …

… gesellschaftlich verantwortungsvoll handeln.

3. Gibt es Gebäude, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?

Durchaus. Es sind die Kleinprojekte, die Einfamilienhäuser, die wir bauen. Diese kleinen Häuser sollten städtebaulich gesehen eigentlich gar nicht gebaut werden, weil sie viel zu viele Ressourcen und Platz für viel zu wenige Leute verschwenden. Zudem laufen sie der erforderlichen Dichtheit, speziell an Stadtrandgebieten, komplett zuwider. Wie man mit diesem Thema umgehen und durchaus prototypische Antworten finden kann, sehen wir als große Herausforderung. Es ist auch eine sehr schöne Angelegenheit, den direkten Kontakt zu den Bauherren zu haben, gemeinsam mit einer konkreten Person individuell zu entwerfen und dementsprechend auch direktes, positives Feedback zu bekommen. Das ist das Schöne und Faszinierende am Einfamilienhausbau.

4. Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Von zwei Dingen: zum einen von den Wünschen und Vorstellungen der Bauherren und
zum anderen von den gesellschaftlichen Notwendigkeiten und den Rahmenbedingungen
an dem Ort.

5. Was war bislang ihr größter Erfolg?

Größter Erfolg ist immer dann, wenn der Bauherr zufrieden ist. Wenn man das Gefühl hat, es ist ein gelungenes Projekt. 100 % zufrieden sind wir nie mit einem Projekt, weil der Anspruch, dass es eine soziale, gesellschaftliche Relevanz hat, nie zu 100 % erreicht werden kann. Es ist immer mit einem Scheitern in unterschiedlichen Prozentsätzen verbunden. Aber das ist auch das Spannende daran, weil es für die nächste Aufgabe motiviert. All unsere Projekte sind mehrfach publiziert. Es ist besonders schön für uns, dass unsere Arbeit so viel Widerhall findet. Das ist uns sehr wichtig. Somit gilt es dann auch für uns als erfolgreich.

6. Welches Projekt steht bei Ihnen als nächstes an? Woran arbeiten Sie gerade?

Wir arbeiten gerade an dem Adidas Headquarter in Deutschland. Das ist ein größeres Projekt. Wir machen ein Wohnhochhaus in Wien. Wie immer arbeiten wir aber auch an Einfamilienhäusern, derzeit sind es drei kleine Häuser. Dann ist da noch die Universität in Linz, an der wir schon länger dran sind. Es ist immer die Mischung aus größeren Projekten, die aus Wettbewerben resultieren, und den kleinen Direktaufträgen. Ca. 50 % der Zeit verbringen wir mit Wettbewerben, die uns dann die größeren Aufträge bringen.

7. Welche Rolle spielen Wettbewerbe bei Ihnen im Büro?

Wir sind nicht so vernetzt, d.h. wir haben keine direkten Bauherren, außer bei den Kleinaufträgen. Insofern ist die Hälfte unserer Arbeitszeit Wettbewerben gewidmet. Wenn wir keine Wettbewerbe gewinnen, haben wir nichts zu tun. So einfach ist das.


8. Sind so viele Wettbewerbe in wirtschaftlicher Hinsicht nicht schwer zu leisten?

Ach ja (seufzt), in wirtschaftlicher Hinsicht würde ich jetzt nicht sagen. Die Konkurrenz wird nicht schlechter, aber das ist ja auch gut so. Die Herausforderung bleibt. Man muss immer am Ball bleiben. Es ist nicht so, dass wenn man ein paar große Projekte gemacht hat, die nächsten Aufträge von selbst kommen. Das mag zwar der Fall sein, wenn man besser vernetzt ist und Bauherren hat, von denen die Aufträge automatisch kommen. Aber da sind wir gar nicht so erpicht drauf. Das bringt ja auch eine gewisse Abhängigkeit mit sich. So lange wir es so durchhalten und ab und zu einen Wettbewerb gewinnen, werden wir die Taktik beibehalten. Wenn es uns nicht mehr gelingt, müssen wir uns eh etwas anderes überlegen.

9. Was bedeutet für Sie Zuhause?

Zuhause bedeutet für mich eher etwas Soziales. Das ist eigentlich kein Gebäude. Als Zuhause würde ich den Ort bezeichnen, wo mein Lebensmittelpunkt ist. Man kann es eigentlich daran erkennen, was die Leute sich im Handy als „daheim“ eingespeichert haben. Ist das noch das Elternhaus, aus dem man kommt? Ist es dort, wo man jetzt mit der Familie oder dem Lebenspartner wohnt? Im Prinzip ist das, was im Handy als „daheim“ eingespeichert ist, das Zuhause.

10. Von wem hätten Sie sich gern Ihr Haus bauen lassen?

Am liebsten von irgendeiner jungen Architektin oder einem jungen Architekten: frisch von der Uni, sehr ambitioniert, nicht abgeklärt. Nicht von einem renommierten Büro, das sehr viel Wert auf eigene Corporate Identity legt. Niemand, der ein Rezept darüberstülpt, das schon oft ausprobiert wurde. Ich würde ungern etwas kaufen, das es so als Rezept schon gibt. Ich hätte gern, dass es individuell für mich neu erfunden wird.

11. Was raten Sie jungen Architekten?

An offenen Wettbewerben teilzunehmen und im Verwandten- und Bekanntenkreis kleine Bauvorhaben zu verwirklichen, um überhaupt über diese erste Schwelle zu treten und etwas real zu bauen. Das ist immer ein riesiges Thema, wenn man Bauherren gegenübertritt, und zwar bereits in Büros mitgearbeitet hat, aber selbst noch nichts verantwortet hat. Über diese Schwelle einmal zu springen, ist ein wichtiger Fakt.

12. Wenn Sie nicht Architekt geworden wären, was wären Sie heute?

Ich habe vielseitige Interessen. Meine erste Ausbildung war Skilehrer und Bergführer (lacht).
Ich habe damals an der Uni hobbymäßig Geologie studiert, was ich dann aus Zeitgründen allerdings aufgeben musste. Mich interessiert das ganze Feld der Soziologie. Im Prinzip lässt sich das alles auch mit Architektur in Verbindung bringen. Mich interessieren vielseitig alle Dinge, die ein Geheimnis in sich tragen, dem man auf den Grund gehen kann. Das ist eine Aufgabe, eine Herausforderung.
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