„housing“

Wie entsteht urbane Wohnqualität?

Die 10. JUNG Architekturgespräche in Hamburg zum Thema “housing“, befassten sich mit dem Wohnen und Leben in der Stadt. Der Wunsch nach urbaner Wohnqualität ist ungebrochen groß, insbesondere in Städten wie Hamburg, München und Basel aber auch in Stuttgart ist das deutlich zu spüren. Die Folge: Durch den hohen Zuzug wird dringend neuer Wohnraum, werden dringend neue Wohnideen benötigt. Auch das soziale Leben muss entsprechend neu organisiert werden. Doch welche Art gebauter Umwelt brauchen wir, wenn an den Punkten „Alter, Energie- und Wohnkosten“, so Boris Schade-Bünsow – Chefredakteur der Bauwelt und Moderator des Abends, die Stadt auseinanderbricht?

Auf diese Aspekte bezogen, stellten die Referenten Simon Frommenwiler vom Architekturbüro HHF Architects aus Basel/Schweiz, Ritz Ritzer von bogevischs buero aus München und Alexander Brenner von Alexander Brenner Architekten aus Stuttgart ihre Projekte vor. Fachlich ergänzt wurde die Debatte von Prof. Jörn Walter, Oberbaudirektor der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt aus Hamburg, in der anschließenden Podiumsdiskussion.
Individualisierung und Identitätsstiftung
Wie kann Architektur auch zukünftig Identität stiften, wenn immer nur ein Bruchteil der Zukunft abzulesen ist und die Stadt aus einer Vielzahl unterschiedlicher Protagonisten besteht? Interessanterweise sieht Prof. Jörn Walter in der Tatsache, dass Stadt aus unterschiedlichen Menschen besteht, kein Hindernis, sondern eine Chance. Denn so sind unterschiedliche Herangehensweisen erlaubt. Um allen Ansprüchen gerecht werden, bräuchten Städte wie Hamburg mehr differenzierte Angebote. Wie unterschiedlich die Ansätze sein können, zeigen die Vorträge der drei Referenten.

Für Alexander Brenner von Alexander Brenner Architekten aus Stuttgart sind „Häuser zu Stein gewordene Liebe und keine kommerziellen Projekte“. Und so baut das Büro vorzugsweise in Stuttgart und Umgebung freistehende Einfamilienhäuser – immer in engster Zusammenarbeit mit den Bauherren. Denn, so Brenner weiter „wir freuen uns über Anregungen von Bauherren und wir freuen uns auch, wenn diese manchmal seltsam oder widersprüchlich klingen. Denn je außergewöhnlicher die Wünsche sind, desto mehr freuen wir uns – denn solche Herausforderungen bringen uns weiter“. Auf diese Weise wird jedes Haus zu einem identitätsstiftenden Unikum. Um das zu erreichen übernehmen die Architekten vom Entwurf, über die Innen- bis zur Gartengestaltung alle Arbeiten. Als beispielhaft für seine Bauten führt Brenner das Haus Dornhalde in Stuttgart auf. Details, wie der Esstisch, der sich auf Wunsch mit dem Tisch auf der Terrasse zu einer großen Tafel verbinden lässt, belüftete und versteckt liegende Katzentoiletten zeugen davon, wie ernst den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner begegnet wird.
Alexander Brenner
Alexander Brenner Architekten

Das Wohnen wird urban, die Städte werden größer und dichter; gleichzeitig werden Wohnen und Arbeitsort näher zusammenrücken: So fasst Simon Frommenwiler vom Architekturbüro HHF Architects aus Basel/Schweiz das Wohnen in der Zukunft zusammen. Um diesen Aspekten gerecht zu werden, werden neue Strukturen, individuelle Wohnlösungen und neue soziale Modelle, in denen Wohnen und Leben in gegenseitiger Partnerschaft ermöglicht werden, benötigt. Als ein Beispiel für die Arbeit von HHF Architects nennt Frommenwiler das Projekt „Parking and more“ in Basel. Mit dem „Stück gestalteter Stadt“ am Dreispitz-Areal versuchen die Schweizer Architekten neue Nutzungen zu ermöglichen. Dazu soll das bestehende „Parking“ mit einer Betonstruktur überzogen und erweitert werden. Neben neuen Parkplätzen ergibt sich so Platz für Gastronomie, Sportangebote sowie ein Motel. Auf dem Dach sind unter anderem ein öffentlicher Park und ein Restaurant geplant. Unterschiedlichste Angebote, durch die dem Quartier neues Leben eingehaucht wird und die dem Viertel einen individuellen Charakter verleihen.

Wie Ritz Ritzer von bogevischs buero aus München erläutert, vergibt die Stadt München nur dann Grundstücke, wenn diese mit 30% öffentlich gefördert werden. Der soziale Wohnungsbau aber funktioniere nur dann wirklich, wenn die Sozialverträglichkeit sichergestellt ist. Deshalb steht für Ritzer der Dialog zwischen den Nutzern im Mittelpunkt. Um diesen zu ermöglichen sind Erschließungsräume notwendig. Als konkrete Umsetzungen nennt der Münchener Architekt unter anderem die Studentenwohnanlage im Olympischen Dorf in München. Im Rahmen der Olympischen Spiele 1972 erbaut, wurden die Häuser, bis auf wenige Ausnahmen modernisiert und umgebaut. In wesentlichen Aspekten greifen sie aber auch nach dem Umbau auf den Bestand zurück: Der Dorfcharakter bleibt erhalten und die Gassen bieten weiterhin Raum für Kommunikation. Für Individualität sorgt die Möglichkeit, dass die Bewohner selbst die Fassade ihrer Häuser gestalten dürfen. Um mehr Wohnraum zu schaffen, kam es zu einer Nachverdichtung. Heute bieten 1052 statt 800 Wohneinheiten Platz für Studierende. Durch eine Unterkellerung wurde zusätzlich dringend benötigter Raum, für die Heizzentrale und Fahrradkeller geschaffen
Ritz Ritzer
bogevischs buero

Individualität und Nahverdichtung
Was im Studentenwohnheim funktioniert, stellt sich in der Stadt aufgrund der Ablehnung durch die Bürger nicht selten als problematisch dar. Denn Nahverdichtung vor der eigenen Haustür, so Frommenwiler, will erstmal keiner. Für Prof. Jörn Walter spielt deshalb neben der Diskussion mit der Bevölkerung die Art und Qualität der Architektur eine entscheidende Rolle. Über diese und durch „individuelle architektonische Lösungen lässt sich auch der Sorge um weniger Grün, mehr Nachbarn oder stärkerer sozialer Kontrolle begegnen“.

Um Wohnen und Leben in der Stadt, auch in der Zukunft attraktiv zu gestalten, spricht sich Frommenwiler für eine Offenheit in der Architektur aus. Denn diese erlaubt es, Dinge nicht fertig machen zu müssen. Und nur so ist Architektur flexibel genug, um auch auf zukünftige Bedürfnisse eingehen zu können. Das Thema Flexibilität spricht auch Ritzer an, seiner Meinung nach erschweren Regularien die Umsetzung von Individualität und das den Ansprüchen der Menschen entsprechende Bauen. Über den Dialog und individuelle Konzepte, da sind sich alle einig, kann urbane Wohnqualität nachhaltig erzeugt werden. Und wenn dem so ist, dann wird vielleicht auch Alexander Brenners Traum Realität: „Je besser die Architektur, desto höher ist auch die Dichte“ und damit die Zukunftsfähigkeit der Stadt.
Simon Frommenwiler
HHF Architekten ETH SIA BSA