Zurück „building the future“

Die Zukunft des Bauens

Die 10. JUNG Architekturgespräche in Frankfurt am Main mit dem Titel “building the future“, befassten sich mit der Zukunft des Bauens. Denn wie kaum eine andere Disziplin, bestimmt Architektur die Welt von Morgen.

Doch worin genau liegen die Herausforderungen an das Bauen von Morgen? Kann es ein allgemeingültiges Rezept, eine universelle Lösung überhaupt geben? Welche Rolle spielen neue Materialien, neue Bautechnologien? Oder ist vielmehr der bewusste Umgang mit Ressourcen der Schlüssel für das Bauen der Zukunft?

Thomas Auer von TRANSSOLAR Energietechnik, Martina Bauer von Barkow Leibinger und Sebastian Brunke von Delugan Meissl Associated Architects stellten am 04. Februar 2015 in Frankfurt am Main ihre Ideen und Ansätze vor.
„Less is more?“
Ist das wirklich so? Diese Frage stellte Klima-Ingenieur Thomas Auer eingangs bei seiner Präsentation. Die vier Büros von TRANSSOLAR Energietechnik beschäftigen sich mit der Entwicklung von Energie und Klima für Gebäude. Ihr erklärtes Ziel: Den Nutzerkomfort zu maximieren und den Ressourcenverbrauch zu minimieren. Das gelang den Ingenieuren in hohem Maße bei dem Bürogebäude Manitoba Hydro, Corporate Head Office in Winnipeg/Kanada. Dreh- und Angelpunkt bei diesem Projekt ist das Klima in der kanadischen Stadt. Während in den Wintermonaten Temperaturen von minus 35°C keine Seltenheit sind, klettert das Thermometer im Sommer auf plus 35°C und mehr. Diese extremen Schwankungen nutzte TRANSSOLAR Energietechnik, um die Energieeffizienz des Gebäudes zu maximieren. Der Grund: Trotz des kalten Klimas im Winter, hat Winnipeg eine größere und höhere Solarstrahlung, als jeder Ort in Deutschland. Und selbst Mailand wartet mit weniger Solarstrahlung auf. Wenn es also einen Ort auf der Welt gibt, an dem passives solares Bauen Sinn macht, so Auer, dann in Winnipeg.

Das Gebäude passt sich dynamisch den verändernden Außenbedingungen an. Dazu haben die Nutzer selbst die Möglichkeit, das Raumklima zu beeinflussen. So lassen sich Licht und Verschattungselemente individuell einstellen und Fenster öffnen. Im Gegensatz zu dem Verbrauch von 500 KWh/m²a eines durchschnittlichen Verwaltungsgebäude in Kanada, wird der Bau der Manitoba Hydro auf diese Weise nur rund 140 kWh/m²a Primärenergie für seinen Betrieb benötigen.

„Einfach bauen“
Unter diesem Motto steht der Bau einer Schule in Damaskus. Die Vorgabe, so erklärt Auer, war es ein Schulgebäude zu bauen, welches auf expliziten Wunsch der Eltern ohne Klimatisierung auskommen sollte. Einen ersten Schritt hierhin stellen die begrünten Innenhöfen dar. Im Unterschied zu den rund 45°C heißen Schulräumen, liegt die Temperatur hier um 5°C niedriger. Zusätzlich wird die Außenluft über Rohre in die Räume gezogen, angetrieben und entlüftet über einen Solarkamin. Dieser Kamin, so Auer weiter, ist im Prinzip eine nach Westen ausgerichtete gemauerte schwarze Wand. Durch den sogenannten Kamineffekt – warme Luft steigt auf und zieht die kühlere Luft nach sich – wird die Bodenplatte gekühlt. Der Effekt: In den Sommermonaten herrschen in den Schulräumen jetzt Temperaturen von 30°C. Ein Wert, der so ergaben Berechnungen nach adaptiven Komfortstandarts, der sich sehen lassen kann.
Prof. Thomas Auer
TRANSSOLAR Energietechnik GmbH, Stuttgart
„Spielraum ist das, was uns antreibt“
Diesem Credo folgend, sieht sich das Architekturbüro Barkow Leibinger, wie Martina Bauer eingangs erläutert, als Ingenieure und Bricoleure (Bastler). Dazu integrieren sie ständig neue Materialien und Techniken in ihren Entwurfsprozess. Immer in dem festen Glauben an die Synergien, die sich aus Praxis, Forschung und Lehre ergeben.

Ein Beispiel, wie das Bauen der Zukunft aussehen könnte, ist die bewegliche Architektur. Anlässlich der 14. Internationalen Architekturbiennale zeigte das Berliner Büro mit dem Prototypen „Kinetic Wall“ ein Beispiel hierfür.

Dem Thema Materialeffizienz widmeten sich Barkow Leibinger mit der Installation „sicket“ für die Ausstellung „How soon is now ?“ in der Judin Gallery, Berlin. So zeigt das Werk die Auflösung der Grenzen zwischen physischer Materialität und Raumbildung.

„Ein Prototyp, der bald nicht mehr nur Gedankengebäude ist“
Ein weiteres Beispiel für den bewussten Umgang mit Materialien ist der Einsatz von Infraleichtbeton bei dem Projekt Urban Living, einem Ideenwettbewerb für ein Wohnhochhaus in Berlin. Infraleichtbeton hat eine Leichte von unter 800 kg/m3 und damit nur maximal ein Drittel der Dichte von Normalbeton. Dazu hat das Material eine geringe Wämeleitfähigkeit, wirkt isolierend, womit auf eine Dämmung verzichtet werden kann. Neben der Nachhaltigkeit des Materials, so verdeutlich Bauer, hat das Projekt auch einen soziokulturellen Aspekt. So sind alle Wohnungsgrößen umsetzbar, alle Formen des Arbeiten und Wohnens möglich. Zukünftig, so hofft die Architektin, wird es sich nicht mehr nur um einen Prototyp handeln, sondern um ein Konzept, welches an vielen Stellen der Stadt vorstellbar ist und so nicht mehr nur ein reines Gedankengebäude sein wird.
Martina Bauer
Barkow Leibinger, Berlin
„Die Überwindung konventioneller Raumgrenzen“
Sebastian Brunke, Senior Project Manager bei Delugan Meissl Associated Architects, berichtete über die neuesten Entwicklungen bei DMAA. Im Mittelpunkt der Arbeiten steht das Thema dynamische Architektur und die Beschäftigung mit Raumphänomen. Also, wie bewegen sich Personen durch den Raum? Und wie werden wir von Räumen beeinflusst? Laut Brunke sind Geometrie, Akustik oder auch Gerüche wichtige Faktoren.

Ein Beispiel für die Arbeit des Wiener Büros ist die Tourist Information in einem unter Denkmalschutz stehenden Viertel in Wien. Große bauliche Veränderungen sind hier nicht möglich, weswegen der Fokus auf den Innenraum gelegt wurde. Als Hauptelement dient jetzt innen eine goldene Rückwand, welche aus sechs gleichen Modulen entwickelt wurde. Die Wirkung auf den Raum ist verblüffend, strahlt dieser jetzt bis nach außen.

„Bauen im Bestand“
Ein weiteres großes Thema ist für Delugan Meissl Associated Architects das „Bauen im Bestand“. Wie sich Gebäude erweitern lassen, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu beschädigen, dafür steht das Projekt der Erweiterung des Staatstheaters in Karlsruhe. Die Vorgabe: Kern und Solitärcharakter des Gebäudes sollten erhalten bleiben. Um das zu gewährleisten, wurden Bestands- und Neubau mit einer Art Haut überspannt und harmonisch verbunden.

So unterschiedlich die Ansätze und die Projekte der drei Referenten sind, eines zeigen sie alle. Das Bauen in der Zukunft erfordert größtmögliche Vielfalt, innovative Ideen und den Einsatz neuer Materialien. Dazu gilt es, die Substanz der Bestandsgebäude energetisch zu optimiere.
Sebastian Brunke
Delugan Meissl Associated Architetcs, Wien/Österreich