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Warum die Lebensqualität aller Bewohner erhöht werden muss

Die 9. JUNG Architekturgespräche in Köln, moderiert von Bauwelt Chefredakteur Boris Schade-Bünsow, befassten sich mit dem Thema des Wohnbaus in Deutschland. Wie sollten die Städte in ein paar Jahren aussehen? Welchen Anforderungen müssen sie gerecht werden? Wie verändern sich die Bedürfnisse der Menschen? Und warum ist Stadt für Menschen wichtig? Ihre Lösungen und Arbeiten stellten Claudia Meixner von MEIXNER SCHLÜTER WENDT aus Frankfurt am Main, Johannes Ernst von steidle architekten aus München und Tim Heide von HEIDE & VON BECKERATH aus Berlin vor.

Die Zahlen sprechen für sich: Während in den Städten die Anzahl der Haushalte ständig steigt, nimmt auf der anderen Seite bezahlbarer Wohnraum ab. So werden in der Stadt Wohnungen zu einem knappen Gut, während auf dem Land Immobilien leerstehen. Tendenz steigend. Eine Entwicklung, die nicht folgenlos bleibt. Die Wohnfläche pro Kopf ist begrenzt, die Preise pro Quadratmeter steigen und die Ausstattung der Immobilien sinkt.
Um dem Phänomen der wachsenden Städte zu begegnen, müssen die Akteure des Wohnungsbau daher schon heute mit klugen und weitschauenden Lösungen auf diese Fakten reagieren.

Warum Stadt wichtig ist

Rund 12.000 Städte gibt es in Deutschland. Von diesen, so Schade-Bünsow, aber haben nur 80 mehr als 100.000 Einwohner. Und genau hier leben 25 Millionen Deutsche. Der Grund: Städte bieten Zugang zu wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Angeboten. Und aufgrund der Infrastruktur auf dem Lande – geringeres Netz an Ärzten sowie einer schlechteren Anbindung an den Nahverkehr – werden Städte auch in Zukunft einen Zuzug erleben. Doch wie lässt sich die „Nachfrage nach Stadt“ realisieren? Und wie werden und wollen wir in Zukunft leben?

Schon heute, so erläutert Boris Schade-Bünsow, leben bereits 74 % der Deutschen in urbanen Strukturen. Dabei handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe, sondern neben ältereren Menschen zieht es ebenso junge wohlhabende Menschen, Familie, Singles oder Menschen mit Migrationshintergrund in die Städte. Die Anforderungen an Wohnungen sind daher so vielfältig wie ihre Bewohner: bezahlbar, flexibel und barrierefrei. Um eine Integration in den Quartieren zu realisieren, stehen Stadtplaner und Architekten vor der Herausforderung die Interessen aller zu berücksichtigen.
Auch Johannes Ernst von steidle architekten aus München plädiert für eine Stadt der sozialen Durchmischung, in der es teure Immobilien ebenso wie günstige Wohnungen gibt. Als Beispiele für München nennt er das Projekt „Lehmbachgärten“ vom Luxuswohnen in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof mit Kosten von 45 € pro qm. Ein Preis, der für viele unbezahlbar ist, aber Menschen ins Zentrum Münchens holt, die der Stadt eine Identität verschaffen. Auf der anderen Seite schildert Ernst das Bauprojekt auf dem ehemaligen „Pfanniareal“. Um die alten Gebäude herum entsteht ein neuer Stadtteil, der Wohnungen auch im unteren Preissegment bieten wird. Realisierbar wird das durch die unterschiedliche Setzung von Trennwänden. So werden große wie auch und kleinere Wohnungen geschaffen und eine Vielschichtigkeit erreicht. Das Angebot reicht von unausgebauten Wohnungen bis hin zu fertig eingerichteten Appartements. Für Kontakt und damit soziale Durchmischung sorgen u.a. die im Bebauungsplan festgelegten gemeinschaftlichen Dachgartenflächen.

 
steidle architekten
Gesellschaft von Architekten und Stadtplanern mbH, München
Für Tim Heide vom Büro HEIDE & VON BECKERATH aus Berlin ist die Schwelle zwischen öffentlich und privat – die Festsetzung von Grenzen – entscheidend. Dem zugrunde liegt die Theorie der gleichwertigen Räume, so Heide, nach der die Menschen selber überlegen können, welche Funktion die einzelnen Zimmer bekommen sollen.
Realisiert wurde dieses Prinzip durch das Modell der Partizipation in der Ritterstraße in Berlin. Hier können die Bewohner die Grundrisse ihrer Wohnung selber entwickeln. Zudem arbeitet dieses Projekt mit Reduktion. Einfach ausgestattete Räume, mit Estrichböden oder Betondecken sorgen für bezahlbaren Wohnraum; Gemeinschaftsflächen für Lebendigkeit. Um das soziale Niveau in den Objekten zu halten, geht das Büro HEIDE & VON BECKERATH zudem soweit, die Miete für die Wohnungen zu stabilisieren. Dazu zahlt jeder Bewohner einen Teil mehr ein, wodurch es eine stabile Miete gibt.

Mit dem Modell der ökonomischen Komprimierung, wie in der Flottwellstraße in Berlin, wird eine Grundflexibilität erreicht, ohne die exakten Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner zu kennen. Um die Wohneinheiten flexibel und bezahlbar zu machen, sind die Räume um 10% kleiner als üblich. So lassen sich die Räume von 88 qm in vier-Zimmerwohnungen bis hin zu Lofts aufteilen.
 
HEIDE & VON BECKERATH Architekten BDA, Berlin
Hinter der Vision des Büros MEIXNER SCHLÜTER WENDT aus Frankfurt am Main, so schildert Claudia Meixner, steht ein konzeptioneller Ansatz. Aus dem Ort und der Aufgabe soll eine besondere Lösung entwickelt werden. Denn im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Verortung. Das Ziel: Im Idealfall werden die Menschen mit dem Ort besser verknüpft und es entsteht eine besondere Qualität. Die Größe des Wohnzimmers spielt daher eher eine untergeordnete Rolle. Exemplarisch dafür steht das Wohnhochhaus „Henninger Turm“ in Frankfurt. Da der Henninger ein Wahrzeichen Frankfurts ist, entschied das Büro MEIXNER SCHLÜTER WENDT der Stadt diese Erinnerung wiederzugeben. Dazu sollte der Neubau des Henninger Turms von der Stadtseite aus als solche zu erkennen sein. Für die Bewohner bietet der Turm flexible Wohnungen mit außenliegenden Balkonen, welche sich je nach Lebenssituation zusammenlegen oder auch trennen lassen. Grundvoraussetzung für Meixner ist aber immer, dass Innovationen mit den Menschen zusammen entwickelt und nicht über Wohnungsbaugesellschaften geschaffen werden. Um dies zu erreichen muss sich die Struktur der Entstehung ändern.
MEIXNER SCHLÜTER WENDT Architekten, Frankfurt a. M.
Um ein Stück spannende Stadt zu bauen, ist weniger die Wohnung, sondern das Umfeld entscheidend, führt Johannes Ernst diesen Gedanken fort. Auf diese Weise kann auch eine 21 qm Wohnung schön sein, wenn sie beispielsweise am Washington Square in New York liegt. Wenn es aber die Menschen und das Umfeld sind, die etwas am Ort verändern und nicht die Architektur, stellt sich die Frage, was können wir alle für die Stadt tun – was können wir tun, um uns zuhause zu fühlen? Und wie kann Architektur diesen Prozess unterstützen? Ein erster Schritt ist das Zusammenwirken von Architekten, Bauherren, Bewohnern und Eigentürmergesellschaften. Denn nur wenn alle miteinbezogen werden, kann eine Stadt entstehen, die nicht nur Zukunft verspricht, sondern ein Lebensgefühl mit hoher Qualität für jeden bietet.

Den Nachbericht der 9. JUNG Architekturgespräche in Köln von koelnarchitektur.de finden Sie hier.