„competition“

Ein internationaler Vergleich

Der Architekturwettbewerb gilt national und international als das wichtigste Instrument zur Sicherung der Qualität unserer gebauten Umwelt. Offene Wettbewerbe erfordern eine stabile wirtschaftliche Situation des Architekturbüros und lohnen sich meist nur noch bei Prestigeprojekten für das eigene Büromarketing. Um in Deutschland jedoch die Chance zu erhalten, zu einem zulassungsbeschränkten Wettbewerbsverfahren eingeladen zu werden, bedarf es zahlreicher Referenzen und nachgewiesener, spezialisierter Fachkompetenz. Eine Hürde, die junge und kleine Büros in Deutschland kaum überwinden können. Der Blick ins Ausland zeigt jedoch, dass die Vergabe von Aufträgen über Wettbewerbe vielfältig gestaltet werden kann und sich auch im Bezug auf Nachwuchsförderung öffnet.
Dem Thema des internationalen Architekturwettbewerbs widmeten sich die 10. JUNG-Architekturgespräche im Berliner Café Moskau. Am 02.07.2015 berichteten Kai Bierich von wulf architekten und Kai-Uwe Bergmann von BIG – Bjarke Ingels Group über ihre aktuellen internationalen Projekte, die aus Wettbewerbserfolgen entstanden sind. Prof. Gerd Jäger, Geschäftsführer von baumschlager eberle Berlin, bereicherte die Veranstaltung durch seinen theoretischen Ansatz über die Wirtschaftlichkeit von Wettbewerben und seiner Kritik am derzeitigen Wettbewerbsverfahren in Deutschland. Seine Kernthesen wurden in der anschließenden Podiumsdiskussion, die fachlich durch Uwe Drost von der D&K drost consult GmbH erweitert und von Dirk Bonnkirch von der competitionline Verlags GmbH moderiert wurde, aufgegriffen und boten regen Diskussionsbedarf.
Uwe Drost
D&K drost consult GmbH, Hamburg
„competition“ wulf architekten: Deutschland – China

„Man muss wissen worauf man sich einlässt!“ – wulf architekten generieren fast 100% ihrer Aufträge aus Wettbewerben. Kai Bierich, geschäftsführender Partner, sieht den Architekturwettbewerb trotz aller Schwierigkeiten als das wichtigste Qualitätssicherungsinstrument für gute Architektur, bemängelt jedoch die fehlende Transparenz in der deutschen Verfahrensbetreuung. Oft stehen die Parameter für Wettbewerbe zu Beginn des Verfahrens gar nicht fest und am Ende ist nicht sicher, dass der Gewinner des Wettbewerbs auch den Auftrag erhält. Der Architekt ist dadurch einem ungewissen wirtschaftlichen Risiko ausgeliefert.

Im Jahr 2000 gewannen wulf architekten den Wettbewerb zur neuen Messe Stuttgart. Da sie im Wettbewerbsentwurf bereits das Konzept eines Erweiterungsbaus integriert hatten, konnte der Auftraggeber diesen auch als Komplettierung beauftragen und somit ein VOF-Verfahren umgehen. Das Projekt öffnete internationale Türen und ermöglichte den Eintritt in die asiatische Wettbewerbslandschaft. „In China gibt es keine vorgeschriebenen Wettbewerbsverfahren.“, so Bierich. Das führen von Protokollen setzt sich der konfuzianischen Lehre entgegen. Architekten, die sich auf die interkulturellen Unterschiede einlassen und ihre Geschäftspartner verstehen lernen haben gute Chancen sich auf dem chinesischen Markt durch Wettbewerbe zu positionieren.
Kai Bierich
Wulf architekten, Stuttgart
„competition“ BIG: Deutschland – Skandinavien – USA

Mit dem „METZ Tower“ im Frankfurter Bankenviertel ist es der Bjarke Ingels Group erstmalig gelungen einen Wettbewerb in Deutschland zu gewinnen. Kai-Uwe Bergmann appelliert in seinem Vortrag an die Verantwortung der deutschen Wettbewerbsausschreiber und sieht die Schwierigkeiten im deutschen Verfahrenssystem.

Nach dem Grundsatz „Klasse statt Masse“ werden in Skandinavien Wettbewerbsteilnehmer gezielt ausgesucht. Wo hingegen in Deutschland oftmals 25-30 Bewerber zum Wettbewerb zugelassen werden, die möglichst viele ähnliche Bauaufgaben bereits realisiert haben, werden in Skandinavien 5-7 Büros ausgewählt, die für die besten Architekten für genau diese konzeptionelle Bearbeitung der Entwurfsaufgabe gelten. Zudem wird im Hinblick auf Nachwuchsförderung bei jedem Wettbewerb eine „Wildcard“ für junge Büros ausgespielt.

In den USA gibt es keine Wettbewerbsvorschriften. Der Wettbewerb zu den „Coconut Regrove Towers“ in Miami wurde beispielsweise durch ein persönliches Interview zwischen Architekt und Bauherr entschieden, ohne überhaupt ein Entwurfskonzept zu liefern.
Die Ideologien und differenzierten Entwurfsansätze von BIG veranschaulichte Bergmann in den rund 20 präsentierten internationalen Projekten – from „hot to cold“.
Kai-Uwe Bergmann
BIG Bjarke Ingels Group, Kopenhagen/Dänermark
„competition“ baumschlager eberle: Deutschland – Schweiz

Prof. Gerd Jäger kritisiert am deutschen Wettbewerbssystem die Suche nach „der besten Lösung“ und nicht nach „dem besten Architekten“. Undurchsichtige Verfahrensbetreuung, schlechtes Honorar und eine zu geringe Bearbeitungszeit mindern die Qualität. Zudem erinnert die Art der Visualisierung eines Wettbewerbsentwurfs häufig bereits an den Maßstab einer Werkplanung und lässt wenig Interpretationsspielraum.

Nach dem Wettbewerbsgewinn geht es in Deutschland primär um das Einsparungspotential, nicht wie in der Schweiz um die Verbesserung der Idee bis hin zu einer perfekten Ausführung. Als Paradebeispiel präsentiert Jäger das Projekt „The Metropolitans“ – Zwei Wohntürme in Zürich, bei denen es sich um eine 1:1 Übersetzung des Wettbewerbsentwurfes handelt.

Rund 2/3 aller Aufträge von baumschlager eberle entstehen aus gewonnenen Wettbewerben. Sie werden zentral am Standort Berlin bearbeitet und nach einem Erfolg an das entsprechende Büro im Wettbewerbsland zur Weiterbearbeitung transferiert. Auf Basis einer internen Bewertungsmatrix wird die Wirtschaftlichkeit einer Teilnahme an einem Wettbewerb oder einem VOF-Verfahren im Vorfeld analysiert und kritisch entschieden. Offene Wettbewerbe können dabei fast nie Punkten.

Aller Schwierigkeiten zum Trotz betont Jäger die Wichtigkeit von Architekturwettbewerben. Nicht nur für die Qualität der Architektur und den Erhalt der Baukultur sondern auch zur eigenen, persönlichen Leistungssteigerung: Ist es doch der Wettbewerb, der uns von den anderen freien Berufsgruppen unterscheidet, „die Lust in Konkurrenz zu treten und immer das Beste zu Wollen.“
Prof. Gerd Jäger
baumschlager eberle, Berlin
„competition“ competitionline Verlags GmbH, Berlin

competitionline.com ist Deutschlands führende Plattform für Architekten- und Ingenieurwettbewerbe. Seit 2013 leitet Dirk Bonnkirch die Partnerkommunikation der competitionline Verlags GmbH und ist Mitglied im Redaktionsteam von competition.
Dirk Bonnkirch
competitionline Verlags GmbH, Berlin