Zurück Competition – Architekturwettbewerbe

Fluch oder Segen?

Konkurrenz erhöht die Qualität. Denn wer sich bewusst mit Kontrahenten misst, der gibt voraussichtlich sein Bestes. Dem Grundgedanken „möge der Beste gewinnen“ folgen auch Architekturwettbewerbe. Ihr Ziel: Durch den anonymen Wettstreit die beste Lösung in höchster Qualität hinsichtlich Funktion und Wirtschaftlichkeit für ein Bauvorhaben zu finden. Soweit die Theorie, diese funktioniert aber nur, wenn in der Realität wichtige Parameter eingehalten werden; es eine konkrete Aufgabenstellung gibt, das Verfahren transparent und zeitlich eng gestaltet ist und der Preisträger tatsächlich den Bauauftrag bekommt.

Architekturwettbewerbe als produktiver Leistungssport

Das kreative Messen kann einen großen Gewinn mit sich bringen, schließlich geht aus dem Wettstreit im besten Fall ein architektonisch hochwertiger Bau hervor. Und so dienen Architekturwettbewerbe auch dem Forschungsgeist und damit der Vermittlung von Architektur und Baukultur. Was wie eine klassische Win-Win-Situation für Bauherr, Architekt und Gesellschaft klingt, weist in der Realität aber oft eklatante Defizite auf und somit sind Architektenwettbewerbe für die Beteiligten oft Fluch und Segen zugleich.

Über ihre Erfahrung mit Wettbewerben referierten auf den 9. JUNG Architekturgesprächen am 18.03.2014 in Hamburg Martin Henn aus dem Büro HENN und Kai-Uwe Bergmann von BIG – Bjarke Ingels Group. Zwei ausgewiesene Experten vor allem aus dem Bereich internationale Wettbewerbe. Fachlich ergänzt wurde die Debatte, in der von BDA Geschäftsführer Dr. Thomas Welter moderierten anschließenden Podiumsdiskussion, von Dirk Bonnkirch von der competitionline Verlags GmbH und Uwe Drost von D&K drost consult GmbH.

Fragen an Dr. Thomas Welter - Oder warum Dr. Thomas Welter für den Wettbewerb kreativer Ideen ist.
Dr. Thomas Welter
BDA, Berlin

Architekturwettbewerbe: Fluch und Segen

20.000 Ausschreibungen pro Jahr, diese Zahl nennt Dirk Bonnkirch von competitionline für Deutschland. Allerdings, und auch diese Zahl stammt aus der Quelle des Architekturportals, nur 10 % aller Verfahren wurden 2012 in Deutschland als offener Wettbewerb durchgeführt; 2013 lag der Anteil nur noch bei 9 %. Durch die teils rigiden Zugangsbeschränkungen zu den Wettbewerben ist es aber insbesondere für junge Büros teilweise schier unmöglich, sich auf eine spannende Planungsaufgabe zu bewerben. Es fehlen nötige Referenzen oder Erfahrung als Voraussetzung für die Teilnahme.

Fragen an Dirk Bonnkirch - Oder warum Dirk Bonnkirch nichts von Einzelkämpfer Mentalität hält.

Networking und Wildcard

Uwe Drost von D&K drost consult GmbH aus Hamburg sieht daher Handlungsbedarf hinsichtlich der Arbeitsweise junger Büros. Seiner Erfahrung nach macht es für diese Sinn, sich mit großen Büros zusammenzutun. Der Vorteil: Die Zusammenarbeit ermöglicht es den jungen Büros an Wettbewerben teilzunehmen und Leistungsphasen zu übernehmen. Zudemes, so Drost weiter, umgekehrt viele größere Büros gibt, die eher designmüde sind.

Mit Blick nach Dänemark, plädiert Kai-Uwe Bergmann von BIG – Bjarke Ingels Group aus Kopenhagen, für die Einführung einer Wildcard. Diese ermöglicht in Dänemark jungen Architekten unter 40 Jahren die Teilnahme an Wettbewerben, ohne beispielsweise den Nachweis von Referenzen.

Fragen an Uwe Drost - Oder warum für Uwe Drost das Komplexe einfacher gemacht werden muss.
Uwe Drost
D&K drost consult GmbH, Hamburg

Reduzierung der Ausschreibungsbedingungen

Neben den teilweise erschwerten Zugangsbedingungen, liegt eine weitere Schwierigkeit in den Ausschreibungen selber. Nicht selten gleicht deren Umfang eher einer Abhandlung über Architektur als einer prägnanten Beschreibung der Aufgabe; gespickt mit Vorgaben, die sich nur schwer vereinen lassen. Hier kann, so rät Martin Henn von HENN, eine fachübergreifende Vernetzung helfen. Eine Arbeitsweise, die HENN durch Büros in München, Berlin, Peking und Shanghai konsequent und international vertritt. Die Aufgaben verteilen sich auf mehrere Schultern, es wird rund um die Uhr global gearbeitet. Als ein Beispiel dieser erfolgreichen Herangehensweise schildert Henn den gewonnenen Wettbewerb um den Haikou Tower auf Hainan, einer tropischen Insel im Südchinesischen Meer.

Fragen an Martin Henn - Oder warum Martin Henn Hochhäuser faszinieren.
Martin Henn
HENN, Berlin/München

Honorierung und Teilnehmerzahl

Die Komplexität der Aufgabenstellung spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Jury wider. Neben Preisrichtern sitzen Stadträte, Experten für Energie, Verkehr oder Schallschutz. Das Ergebnis: Die Verfahren ziehen sich aufgrund der hohen Teilnehmerzahl und der sich daraus ergebenen Anzahl der Einreichungen in die Länge. Dazu kommen immer wieder Phasen, in denen der Entwurf auf Wunsch der Jury nachgebessert werden muss – im schlechtesten Fall gibt es durch die Uneinigkeit der Juroren letztendlich keinen Gewinner. Für die Architekturbüros bedeutet das zusätzlich zu der ohnehin nervenaufreibenden und arbeitsintensiven Zeit nicht selten einen nicht zu unterschätzenden finanziellen Verlust. Oder wie Kai-Uwe Bergmann es ausdrückt, Architekten gehen Risiken ein, um die Träume anderer Leute zu erfüllen. Um das finanzielle Risiko zu senken, regt er deshalb die Reduzierung der Teilnehmerzahl bei gleichzeitiger Erhöhung der Honorierung an.

Neben kreativem Wetteifer spielt bei der Entscheidung an einem Architekturwettbewerb teilzunehmen, vor allem Aufmerksamkeit für das Büro und die Generierung neuer Aufträge eine wesentlich Rolle. Genau letzteres wird aber dann zum Problem, wenn es keinen Sieger gibt oder dessen Einreichung nicht umgesetzt und gebaut wird. Und während in den USA, Kai-Uwe Bergmann zufolge, rund 50 % der Wettbewerbssieger tatsächlich gebaut werden, kommt Europa nur auf rund 10 %. Aller Schwierigkeiten zum Trotz, hebt Martin Henn, im Vergleich zu den Ausschreibungen im Ausland, aber die hohe Qualität hierzulande hervor.

Fragen an Kai-Uwe Bergmann - Oder warum Kai-Uwe Bergmann für jedes seiner Projekte eine gute Mutter sein will.
Kai-Uwe Bergmann
BIG – Bjarke Ingels Group, Kopenhagen/ New York

Wettbewerbe als Dienstleister für die Gesellschaft

Wettbewerb kann die notwendigen Anreize schaffen, um Neues zu entwickeln. Durch den unmittelbaren Leistungsvergleich Vieler und das sichere Urteil einer kompetenten Jury wird im Idealfall die bestmögliche Lösung für die Gesellschaft gefunden. Genau deshalb gilt es aber, das hohe Wissen der Architekten gezielt einzusetzen. Denn die Bedeutung des öffentlichen Raums und die Qualität der gebauten Umwelt für unsere Gesellschaft sind wohl unumstritten.