Zurück Quo vadis, Wohnbau?

Warum uns Stadt so wichtig ist.

Die Zahlen sprechen für sich: Während in den Städten die Anzahl der Haushalte ständig steigt, nimmt auf der anderen Seite bezahlbarer Wohnraum beständig ab. Und so werden in der Stadt Wohnungen zu einem knappen Gut, während auf dem Land Immobilien leerstehen. Tendenz steigend. Doch wieso zieht es immer mehr Menschen trotz steigender Quadratmeterpreise in die Ballungsräume und weg vom Land? Mobilität, kulturelle Erlebnisse und bessere Aussichten auf Arbeit sind nur einige Gründe.

Um dem Phänomen der wachsenden und schrumpfenden Städte zu begegnen, müssen die Akteure des Wohnungsbau schon heute mit klugen und weitschauenden Lösungen auf diese Fakten reagieren. Dazu stellten auf den 9. JUNG Architekturgesprächen Sascha Zander aus dem Berliner Büro zanderroth Architekten und Herwig Spiegl aus dem Wiener Architekturbüro AllesWirdGut in München ihre Projekte des Wohnungsbaus vor. Fachlich ergänzt wurde die Debatte, in der von Bauwelt Chefredakteur Boris Schade- Bünsow moderierten anschließenden Podiumsdiskussion, von Professor Alain Thierstein von der TU München und David Christmann von der PATRIZIA Deutschland GmbH aus Augsburg.

Triumph der Städte?

Heute zieht es die Menschen vor allem in die Städte. So nimmt bei sinkender Bevölkerungszahl die Anzahl der Haushalte in den Städten stetig zu. Eine Entwicklung, die nicht folgenlos bleibt. Die Wohnfläche pro Kopf ist begrenzt, die Preise pro Quadratmeter steigen und die Ausstattung der Immobilien sinkt. Bezahlbarer Wohnraum, gerade in Ballungszentren wie München oder Hamburg, wird immer knapper. Und trotzdem zieht es die Menschen in die Metropolen. Denn hier sind die Wege kürzer, die kulturellen Angebote vielfältiger. Kurz Urbanität verspricht für viele Lebensqualität.

Schauen wir in die Vergangenheit zurück, so fällt auf, dass der Zuzug in die Stadt kein neues Phänomen ist. So verzehnfachte sich die Einwohnerzahl Berlins im Zuge der Industrialisierung von 1850 bis 1925 auf vier Millionen Menschen. Um den Zugezogenen Obdach zu bieten, wurden große gründerzeitliche Wohnsiedlungen errichtet. Mit ihren teilweise begrünten Dächern sorgten sie damals für Wohnqualität in der immer enger werdenden Stadt.

Sascha Zander: Es geht um Grundrisse, Schnitte und Funktionen

Für Sascha Zander von zanderroth Architekten aus Berlin ist die Dachbegrünung ein gutes Beispiel dafür, wie das Suburbane wieder in die Stadt gebracht und die Lebensqualität der Bewohner gesteigert werden kann. Waren es damals kleine, über den Dächern liegende grüne Oasen, die für Wohlbefinden sorgen konnten, ist die heutige Anforderung an Wohnungen vor allem Flexibilität. Wohnungen müssen, so Zander, flexibel auf den Nutzer reagieren, da beim Bau die endgültige Nutzung noch nicht bekannt ist. So lassen sich bei zanderroth Architekten Wohnräume bei Bedarf durch eine Faltanlage zu einem Balkon öffnen. Je nach Lebenssituation der Bewohner können Wohnungen zusammengelegt und wieder getrennt werden. Machbar ist das unter anderem durch fehlende Stützen im Grundriss. Durch die flexible Veränderung der Wohnungs- und Raumgrößen können Familien in eine vier Zimmerwohnung einziehen und auch Jahre später, nach dem Auszug der Kinder, in derselben verkleinerten Wohnung verbleiben.

Zander zufolge geht es im Wohnungsbau in erster Linie um Grundrisse, Schnitte, Funktionen und eine klare Hierarchisierung. Die Herangehensweise zeigt sich auch in dem Projekt Linienstraße in Berlin. Ursprünglich war das Gebäude mit geringen Deckenhöhen von 2,55 m ausgestattet. Heute wird die geringe Deckenhöhe optisch durch einen eineinhalb geschossigen Raum aufgehoben. Dank dieser Optimierung wird der Altbestand auch modernen Ansprüchen gerecht.

Fragen an Sascha Zander – Oder warum es Sascha Zander wichtig ist, dass seine Häuser miteinander kommunizieren.
Sascha Zander
zanderroth Architekten, Berlin

Herwig Spiegl: Gute Architektur sollte nicht mehr kosten, sie sollte nur mehr können.

Ebenso wie Berlin ist auch Wien ist eine Stadt mit hohem Zuzug. Und ebenso wie Sascha Zander ist auch Herwig Spiegl von AllesWirdGut aus Wien für die Anpassungsfähigkeit des Wohnens an den Menschen und seine individuellen Bedürfnisse. Damit Menschen die für sie passende Architektur auch einfordern, plädiert er für mehr Architekturverständnis in der Bevölkerung.

Grundsätzlich sollte, so Spiegl, gute Architektur nicht mehr kosten, sondern mehr können. Was er damit meint, zeigt unter anderem das Projekt AST in Wien von AllesWirdGut. Hier entstanden Wohnungen für unterschiedliche Lebensmodelle. Alle Wohnungen lassen sich geschossweise flexibel zu Hausgemeinschaften zusammenlegen, die Freiflächen können von den Bewohnern gemeinschaftlich genutzt werden.

Anhand des Projekts TurnOn von AllesWirdGut, einer visionären Wohntonne mit einzelnen Abteilungen für Schlafen, Essen oder Arbeiten, erläuterte Spiegl, wie Wohnräume von den Nutzern nach Bedarf individuell zusammengestellt werden können. Auch wenn TurnOn vor allem plakativ erscheint, so ist die ernsthafte Forderung nach einer Reform der Bauindustrie in Richtung eines Netzwerks von Planungsteam und Baukomponenten. Statt gestalterischer Individualität geht es Spiegl um Funktionen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion, lag auch für Prof Alain Thierstein von der TU München die Herausforderung für Architekten in der Berücksichtigung der Nutzungsflexibilität. Nicht der Ort oder der Bedarf der Bewohner allein entscheiden über den Raum, sondern ebenso Faktoren wie kurze Wege zur Arbeit oder die ideale Anbindung an den Nahverkehr. David Christmann von der PATRIZIA Deutschland GmbH sieht zweifachen Handlungsbedarf. Denn während einige Städte mit einer zunehmenden Dichte umgehen müssen, gilt es für dünnbesiedelte Regionen Strukturen zu schaffen, die weiterhin die Vorteile einer Stadt aufweisen. Und genau hier liegt für Christmann die Herausforderung für die Architektur im Wohnungsbau.

So müssen Gebäude die Möglichkeit schaffen, auf individuelle Nutzungswünsche ihrer Bewohner einzugehen. Denn um bei steigenden Quadratmeterpreisen keinen Qualitätsverlust hinzunehmen, müssen sich die Nutzer räumlich beschränken. Das heißt aber auch, nicht nur die Menschen in den Städten müssen ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen, gleiches gilt auch für ihre Wohnungen.

Maximale Anpassungsfähigkeit der Wohnräume
In der Folge heißt das: Voll ausgestatte Wohnungen gehören in Zukunft wohl zur Minderheit. Gemeinschaftsräume ergänzen die eigene Wohnung, auch Gärten werden gemeinschaftlich genutzt. Auf der anderen Seite ermöglichen Wohnungen mit versetzbaren Wänden die flexible Nutzung und die eigenen vier Wände passen sich den unterschiedlichen Lebensphasen an. Drei Zimmer, Küche, Bad – die über Jahrzehnte gültige Wohnformel wird damit zukünftig wohl immer häufiger von maximaler Flexibilität zu jeder Zeit abgelöst

Fragen an Herwig Spiegl – Oder warum Herwig Spiegl Tankstellen faszinieren.
Herwig Spiegl
AllesWirdGut
Wien, Österreich