„housing“

Ein Mix aus Architektur, Ökologie, Ökonomie und Nachhaltigkeit

Die Stadt Wien hat mit ihrer traditionsbehafteten Wohnbaupolitik im europäischen Vergleich eine Vorbildfunktion. Mit 30.000 Neubürgern im Jahr muss sich jedoch auch die österreichische Metropole mit den Problemen einer wachsenden Stadt beschäftigen. Durch aktuelle Großprojekte, wie beispielsweise die Seestadt Aspern oder das Sonnwendviertel am neuen Hauptbahnhof gelingt es der Stadt auf diese Herausforderungen zu reagieren: Geförderter Wohnbau kombiniert mit zukunftsorientierten und nachhaltigen Wohntypologien, Gemeinschaftseinrichtungen, infrastrukturellen Einrichtungen und Naherholungsgebieten. Durch die experimentelle Weiterentwicklung des „Wiener Modells“ erhielt die Stadt jetzt sogar den Zuschlag für die IBA 2020.
Das Thema des Wiener Wohnens wurde im Rahmen der österreichischen Premiere der 10. JUNG Architekturgespräche am 12. November 2015 im Architekturzentrum Wien aufgegriffen. Mark Gilbert vom Wiener Planungsbüro trans_city ZT präsentierte seinen aktuellen architektonischen Beitrag zum Wiener Wohnbau und stellte zudem Lösungen für sozial verträgliches Bauen in Krisenregionen vor. Eine niederländische Sichtweise in Bezug auf günstigen Wohnraum veranschaulichte Oliver Thill von Kempe Thill Architekten aus Rotterdam in seinem Vortrag. Die anschließende Podiumsdiskussion, moderiert von Angelika Fitz, widmete sich der Frage wie man sozial verträglichen Wohnraum durch ökologisch nachhaltige Gestaltungskonzepte entwickeln kann.
Angelika Fitz

Kulturtheoretikerin, Autorin und Kuratorin
Wien, Österreich

Partizipation
Peter Neundlinger vom Wohnservice Wien erweiterte die Diskussion aus dem Blickwinkel eines Dienstleistungsunternehmens, das in erster Linie den Nutzer der Architektur vertritt. Die derzeitige Nachfrage nach individuellen Wohnraummodellen ist groß und in Zukunft müssen noch differenziertere, bedürfnisorientiertere Typologien entwickelt werden. Architekten, Projektentwickler und Bauträger sollten bereits zu Begin des Bauprozesses verstärkt den späteren Nutzer in den Planungsprozess integrieren. Dieser Mitbestimmungsgrad, den es beim geförderten Wohnbau in Wien bereits gibt, trägt maßgeblich zum Erfolg des „Wiener Modells“ bei.
Peter Neundlinger

Geschäftsführer des Wohnservice Wien, Österreich

Generationswohnen neu gedacht
Einen Schritt weiter geht Mark Gilbert mit dem Projekt „generationen: wohnen stavangergasse“. Entwickelt wurde ein Generationsnetzwerk, bestehend aus sogenannten „Tandems“: Wohnungen, die nur als Paar und nur an Menschen mit einer generationsübergreifenden Verwandtschaft vergeben werden. Individuelle Grundrissvarianten und ein Spiel von Nähe und Distanz prägen den Entwurf. Die Wohnungen liegen gerade so nah, dass sich die „Tandems“ unterstützen können, jedoch trotzdem die unabhängige Privatheit gewährleistet ist.

Mit seinem Büro trans_city beschäftigt Gilbert sich verstärkt mit strategischen Systemlösungen um Wohnraum in Katastrophengebieten zu entwickeln. Für die Wohnungsnot nach dem Erdbeben auf Haiti entwickelte er ein modulares System, das mit Materialien und der Technologie aus Österreich vorgefertigt und vor Ort in einfachster Bauweise durch lokale Handwerker errichtet werden kann. So verschmelzen Architektur und Städtebau mit den Themen Umweltschutz, Arbeitsmarktpolitik und Logistik zu einem Konzept für eine neue, sozial und ökologisch nachhaltige Stadt. Krisen, wie auch die der aktuellen Flüchtlingsproblematik, sollten als positive Ausnahmesituation und als Chance zur Veränderung gesehen werden.
Mark Gilbert

trans_city ZT gmbh
Wien, Österreich

Der Tradition verpflichtet
Das Atelier Kempe Thill verfolgt den Leitgedanken, individuellen und qualitativ hochwertigen Wohnraum zu schaffen, der gleichzeitig für jede Gesellschaftsschicht leistbar ist. Dies erreichen sie, indem sie „statt nach dem Besonderen zu suchen, am Standard experimentieren“ und diesen verfeinern. In seinem Vortrag zeigt Oliver Thill niederländische Wohnprojekte, die effizient und kostensparend erbaut sind, mit der Konzentration auf das Wesentliche. Inspiriert durch die Architekturgeschichte entwickeln sie individuelle Wohnungen mit freien Grundrissen. Durch serielle Bauweise können so beispielsweise auch Loftwohnungen im Rahmen eines sozialen Wohnbaus entstehen. Offenheit, Transparenz und der Bezug zum Außenraum und zur Natur sind für Thill ein ebenso großes Qualitätsmerkmal wie die Materialität der Gebäude. Er übt Kritik an der Verwendung von Wärmedämmverbundsystemen und zeigt Lösungen, wie günstiges Wohnen auch ökologisch nachhaltig umsetzbar ist.
Oliver Thill

Atelier Kempe Thill
Rotterdam, Niederlande