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Museumsarchitektur, die konsequente Fortsetzung der Exponate?

Museen sind Bewahrer des kulturellen Gedächtnisses eines Volkes, einer Region oder Epoche und damit ohne Zweifel identitätsbildend. Daneben erfüllen kulturelle Leuchtturmprojekte wie das Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers (1977) in Paris oder Frank Gehrys‘ Guggenheim Museum in Bilbao (1997) auch eine weitere wichtige Funktion. Allein aufgrund ihrer spektakulären Architektur sorgen sie für Aufmerksamkeit und das über Landesgrenzen hinweg. Damit ist der Bau eines Museums auch immer ein Mittel zur Selbstinszenierung einer Stadt oder Region. Denn je mehr Besucher kommen, desto größer der positive Effekt auf die Wirtschaft.

Welche Rolle Museumsarchitektur zukommt, ob als zurückhaltende Hülle für Kunst oder gekonnte Inszenierung eines Gebäudes, war Gegenstand der 9. JUNG Architekturgespräche in Stuttgart, moderiert von Bauwelt Chefredakteur Boris Schade-Bünsow. Über ihre Arbeitsweise berichteten Philip Norman Peterson von Holzer Kobler Architekturen, Alexander Schwarz aus dem Architekturbüro David Chipperfield Architects und Sergei Tchoban von nps tchoban voss.

Form trifft auf Inhalt

Mit dem Fridericianum in Kassel wurde 1779 der erste Museumsbau auf dem europäischen Kontinent geschaffen. Damit diente es als erstes Gebäude der Präsentation von Kunst- und Kulturschätzen. Spätestens mit dem Bau des Guggenheim Museums 1997 in Bilbao hält die moderne Architektur Einzug in den Museumsbau. Damit tritt neben Inhalt und Gehalt der Ausstellungen, die Form des Gebäudes stark in den Vordergrund. Doch wie lassen sich Inhalt und Form so verbinden, dass die Architektur der inhaltlichen Qualität gerecht wird? Und umgekehrt aber die ausgestellten Objekte durch den imposanten äußeren Eindruck nicht an Bedeutung verlieren?

Am Beispiel des paläons, dem Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere, zeigt Philip Norman Peterson, wie Holzer Kobler Architekturen die Vermittlung von Wissen in eine szenografische Situation bringen. Mitten in einem ehemaligen Baunkohletagebaugebiet wurden 300.000 Jahre alte Speere gefunden. Um diese Fundstücke wurde dann das Museum konzipiert. Holzer Kobler Architekturen reagierte dazu zunächst auf den äußeren Kontext der Fundstelle. Vom Gebäude ausgehende Wegverbindungen formen Sichtachsen und teilen mit ihren Vektoren die Landschaft auf. Ein weiteres Wegesystem schließt die Landschaft ein. Durch die Aussichten aus dem Museum verschmelzen Architektur und Umgebung, und den Besuchern bietet sich der Blick auf die Fundstelle der Speere, die Grube des Braunkohletagebaus und die umliegende Waldlandschaft. Als hidden script nehmen im Inneren Vitrinen mit ihrer organischen Form den Ort auf. So wird die Architektur zum Vermittler zwischen künstlicher und natürlicher Landschaft, Vergangenheit und Gegenwart.

Fragen an Philip Norman Peterson - Oder warum Philip Norman Peterson gemalte Gebäude interessanter findet als gebaute.
Philip Norman Peterson
Holzer Kobler Architekturen, 
Zürich/Berlin

Museumsarchitektur ermöglicht ein originäres Erlebnis

Einen besonderen Schwerpunkt der Arbeit des Architekturbüros David Chipperfield Architects bildet die Museumsarchitektur. Und das nicht erst seit dem Bau des Literaturmuseums der Moderne in Marbach oder dem Neuen Museum in Berlin. Einblicke in die Arbeit dieses Büros lieferte, Alexander Schwarz. Das Entscheidende für Schwarz ist, dass Architektur ein originäres Erlebnis ermöglicht, welches in der Welt der digitalen Kommunikation nicht vorkommt. Ausgelöst durch den Ort und die Originale wird das Museum einmalig. Dieses trifft umso mehr für das Neue Deutsche Museum in Berlin zu. Über 60 Jahre nach der Schließung, 12 Jahre nach der Fertigstellung durch David Chipperfield Architects, ist das Museum jetzt wieder für Besucher zugänglich. Im Zuge der umfangreichen Instandsetzung wurde nicht versucht die Schäden aus der Zeit des zweiten Weltkriegs zu beheben, sondern nur vor weiterem Verfall zu schützen. Der Wiederaufbau ist ein wichtiger Schritt zum Erhalt des kollektiven Gedächtnisses einer Stadt, ohne dass er dabei einer reinen Rekonstruktion gleichkommt. Neue Elemente wie das Treppenhaus aus Beton lassen das Gebäude im 21. Jahrhundert ankommen.

Fragen an Alexander Schwarz - Oder warum Alexander Schwarz Unwissenheit inspirierend findet.
Alexander Schwarz
David Chipperfield Architects, Berlin

Perfekte Symbiose zwischen Architektur und Exponaten

Mitten in Berlin realisierte der Architekt und Sammler Sergei Tchoban mit dem Bau des Museums für Architekturzeichnung seine Vision eines idealen Ortes für Architekturzeichnungen. Tchobans Vorstellung nach sollte das Museum vor allem ein lebendiger Ort werden, der für neue Architektur und Baukultur steht und gleichzeitig auf sich aufmerksam macht. Um auch ein breites Publikum für das Museum zu begeistern, war Tchoban von Anfang an klar, dass der Bau einer Skulptur gleichen muss.

Hinsichtlich seiner Materialität und Gestaltung ist das Museum für Architekturzeichnung zum einen Spiegelbild zeitgenössischer Architektur, zum anderen Ausdruck Tchobans Liebe zum Detail. Die Fassade aus gefärbtem Beton ist mit Reliefs dekoriert. Dadurch gleicht die Gebäudeoberfläche mit ihren vergrößerten architektonischer Skizzen einer Architekturzeichnung. Die Anmutung der Fassade wird bis ins kleinste Detail in das Innere des Museums transportiert, die Idee des Storytellings von der Gebäudehülle nach Innen gebracht.

Ob Neubau oder aufwändige Instandsetzung: alle Gebäude schaffen durch ihre wohldurchdachten Konzepte Orte des Verstehens, Erinnerns und Staunens. Und leisten damit einen unbezahlbaren Kulturbeitrag.

Fragen an Sergei Tchoban - Oder warum für Sergei Tchoban jeder Bau etwas Wahres hat.
Sergei Tchoban
nps tchoban voss, Berlin