Foto: © Martin Stollenwerk - „Wohn- und Gewerbesiedlung Kalkbreite, Zürich“

„housing“

Der Wunsch nach Individualität

Ob Zürich, Wien oder München – alle drei Städte haben dasselbe Problem: Wohnungsmangel und die damit verbundene Verdichtung des Stadtraums. Unterschiedlich sind jedoch die Antworten und die Herangehensweisen von Architekten, Stadtplanern und der Politik: Schweizer Mehrwertausgleich, Österreichischer Gemeindebau und sozialer Wohnungsbau in Deutschland.
Die 10. JUNG Architekturgespräche, die am 29. Oktober 2015 erstmals in der Schweiz im Architekturforum Zürich stattfanden, befassten sich mit genau diesen Herausforderungen im Bereich des Wohnbaus. Martin Haller von Caramel Architekten aus Wien, Mathias Müller von EM2N Architekten aus Zürich und Amandus Sattler von Allmann Sattler Wappner Architekten aus München stellten ihre aktuellen Projekte zum Thema „housing“ vor. In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Hubertus Adam, wurden die differenzierten Lösungsansätze der sogenannten „DACH“-Länder aufgegriffen und diskutiert.
Hubertus Adam
Direktor des S AM
Schweizerischen Architekturmuseum,
Basel

Patrick Gmür, Direktor des Amts für Städtebau der Stadt Zürich, bereicherte die Diskussion – auch im Hinblick auf die daraus resultierende Problematik der infrastrukturellen Entwicklung der Städte.
Patrick Gmür
Direktor des Amtes für Städtebau,
Zürich

„Wie wollt ihr wohnen?“ – Entwicklungen in Deutschland
Wo früher noch „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ zum Wohnen ausreichten, haben wir heutzutage viel höhere Ansprüche an unseren individuellen Wohnraum. Um diesen derzeitigen Ansprüchen unserer Gesellschaft gerecht zu werden, denken Allmann Sattler Wappner Architekten das Thema „housing“ neu und nutzen experimentelle Herangehensweisen, um dem zeitgenössischen Wohnen gerecht zu werden. Bei den Wohntürmen „Friends“ können sie über die Mittel der Gestaltung und Ästhetik auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Bewohner reagieren: stadtnahes Wohnen im Grünen, individuell gestaltbare Grundrisse und „shared spaces“ – ein für Münchner Wohnverhältnisse einzigartiges Projekt.

In seinem Vortrag verweist Amandus Sattler auf den Missstand, dass Wohnraum heutzutage vielmehr als „Ware der Investoren“ angesehen wird, anstatt als „sinnliches Bedürfnis der Nutzer“ und somit die Qualität der Architektur leidet. Zudem lassen die deutschen Baugesetze und Normen viele gute Ideen der Architekten, insbesondere auch im Kontext der derzeitigen Flüchtlingsproblematik, gar nicht zu.
Amandus Sattler
Allmann Sattler Wappner Architekten,
München

„Umnutzung als Potenzial“ – Positive Verdichtungsszenarien in der Schweiz
Der strukturelle Bevölkerungswandel der letzten 30 Jahre führte dazu, dass es in der Schweiz zu wenig Fläche für den tatsächlich benötigten Wohnraum gibt. Um Antworten zu dieser Problematik zu finden, entwickeln EM2N Architekten neue Typologien aus transformierter Nutzung von Bestandsbauten. Die daraus resultierenden Chancen demonstrierte Mathias Müller an dem Projekt „Umbau Rosenberg“ – einem ehemaligen Supermarkt, der zu einer Wohnlandschaft umgebaut wurde. Dabei wurde sowohl die ursprüngliche Kubatur als auch die Raumhöhe von 4,50 m im Bereich der Küchen-, Ess- und Wohnzimmer beibehalten und durch Splitlevels mit einzigartigen Blickbeziehungen ergänzt.

Weitere theoretische Ansätze, wie man mit dem Thema Dichte und Zersiedelung umgehen kann, entwickelt die unabhängige Züricher Architektengruppe Krokodil – eigeninitiativ mitbegründet von EM2N. In ihrer raumplanerischen Studie über den Großraum Zürich sehen sie die Stadt als Archipel und entwickeln dezentrale, experimentelle Stadtzentren für die zukünftige Schweizer Bevölkerungsentwicklung.
Mathias Müller
EM2N Architekten AG,
Zürich

„Housing, the challenge is …“ – Modulares Denken in Österreich
Caramel Architekten begreifen den Wohnraum als Modul. Ausgehend von seiner kleinsten Variante – dem Einfamilienhaus – entwickeln sie Entwurfskonzepte, die die modularen Ideen auch im großen Maßstab weiterdenken, wie beispielsweise im Hochhaus als gestapeltes Modul. Sie versuchen bei all ihren Projekten mit den geringsten Kosten und den einfachsten Mitteln die höchste Wohnqualität für den Nutzer zu erzielen. Materialien aus der Region sind dabei meist nicht nur preiswerter, sondern unterstützen den nachhaltigen Bauprozess und schaffen einen Bezug zu dem jeweiligen Ort, wie Martin Haller an den von Caramel Architekten entwickelten Hotelpavillons demonstriert, die aus dem Holz der Bestandsbäume des Baulandes gefertigt wurden.

Er betont in seinem Vortrag die Vorzüge der kleinen Projekte: Sie ermöglichen den direkten Kontakt zum Bauherren. Durch die intensive Zusammenarbeit mit den späteren Nutzern kann man besser auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen und erhält direktes Feedback.
Martin Haller
Caramel Architekten ZT GmbH,
Wien