Architektur und Verantwortung

Lebensqualität als primäres Gestaltungselement

Politische und gesellschaftliche Veränderungen wirken sich auch auf die Gestaltung der Lebensräume der Menschen aus und stellen Architekten vor neue Herausforderungen. Wie Architektur verantwortungsvoll und angemessen auf die neuen Anforderungen reagieren kann, wurde auf den 11. JUNG Architekturgesprächen in Frankfurt am Main am 19. April 2016 diskutiert. Prof. Ruth Berktold, YES ARCHITECTURE. und Julia Erdmann, Stephen Williams Associates erläuterten ihre persönliche architektonische Haltung und die derzeitige und zukünftige soziale Verantwortung der Architekten. Moderiert wurde die Veranstaltung von Boris Schade-Bünsow, Chefredakteur der Bauwelt.
Boris Schade-Bünsow
Redaktion Bauwelt
Bauverlag BV GmbH,
Berlin

Strömungen des Wandels
Prof. Ruth Berktold orientierte ihre Präsentation an der Megatrend-Map 2.0 des Zukunftsinstituts: Globalisierung, Urbanität, Silver Society und Female Shift sind exemplarische Entwicklungs-
konstanten unserer globalen Gesellschaft, auf die Architektur einwirken kann. Als weiteren Aspekt ging sie auf die typologische Veränderungen des Entwurfsprozesses durch zukunftsorientierte Softwareentwicklungen wie BIM oder den Einsatz von Universal Design in der Architektur ein.

Wie sie ihre Ideologien in die Realität umsetzt, veranschaulichte sie an unterschiedlichen Projekten, wie dem World Conference Center in Bonn, dem ersten großen gewonnenen und realisierten Wettbewerb ihres Büros YES ARCHITECTURE., aber auch dem auf kleinstem Raum gestalteten Jugendherbergszimmer der Zukunft „Zimmer 2020“.
Die gesellschaftliche und politische Verantwortung von Architekten liege im Wesentlichen darin, qualitativen und atmosphärischen „Wohnraum für alle“ zu gestalten. Eine Umsetzungsmöglichkeit stellte sie mit dem Projekt Y.ESCAPE vor, dessen Gesamtstruktur aus zusammengesetzten Modulen besteht. Diese werden vorgefertigt und müssen auf der Baustelle lediglich zusammengefügt werden. Durch die maschinelle Fertigung gelingt es bis zu zehn Wohnelemente am Tag zu produzieren – schnell, günstig und effizient!
Ruth Berktold
YES ARCHITECTURE.,
München

Orte für den Menschen
„Architektur ist dann verantwortungsvoll, wenn sie Verantwortung für das Leben übernimmt“, ist die These von Julia Erdmann. Die wichtigste Aufgabe eines Architekten sei es, sich in die Menschen, die die Architektur nutzen hineinzuversetzen, auf sie zu hören und mit ihnen zu fühlen. So wurde das Büro beauftragt, ein neu errichtetes Bürogebäude in der Hamburger Hafencity umzugestalten, da seine Nutzer durch die effizienten Bürogrundrisse und die kostenoptimierten Raumstrukturen nachweislich krank und unproduktiv wurden. Durch kleine architektonische Eingriffe konnten die Büros an die unterschiedliche Arbeitsweise und die Bedürfnisse der Nutzer individuell angepasst und das Gebäude sozusagen „geheilt“ werden. Gleichermaßen sollten Gebäude aber auch Identität stiften, wie das Projekt 25h Hotel Hafencity – dem Wohnzimmer in der Stadt – angelehnt an die Geschichten von Kuttel Daddeldu.

Das Spannende an Architektur ist für Julia Erdmann, Lebensräume zu schaffen. Orte, die Geschichten erzählen und Spaß machen. Orte, die den Menschen nicht ausgrenzen, sondern ihn einbinden: „Inclusive Places“. So auch der Titel eines Reiseführers der besonderen Art und die einzige Publikation von Stephen Williams Associates, da das Büro bewusst eine „no PR“-Strategie verfolgt.
Julia Erdmann
Stephen Williams Associates,
Hamburg

Kommunikation als Notwendigkeit
Das die intensive Zusammenarbeit mit den Nutzern eines Gebäudes ein Erfolgsrezept für gute Architektur ist, bestätigte sich auch in der Podiumsdiskussion, die fachlich durch Brigitte Holz, Präsidentin der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen und Peter Cachola Schmal, Direktor des DAM und Generalkommissar des Deutschen Beitrags „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ der Architekturbiennale in Venedig ergänzt wurde.
Brigitte Holz
Präsidentin Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen



Peter Cachola Schmal
Direktor des DAM,
Frankfurt

Next Generation
Eröffnet wurde der Abend von „Newcomer“ Marius Westermann, Sieger des VFA Studenten-
wettbewerbs „Urban Farming“, der seinen Entwurf „Kiosk“ präsentierte. Ob Büdchen, Späti, Trinkhalle oder Wasserhäuschen, der Kiosk gilt als deutsches Kulturgut und ist kommunikativer und gesellschaftlicher Treffpunkt. Auf Basis ländlicher Feldstrukturen entwickelte der Masterstudent der TU Dortmund ein urbanes „Regal“, das auf vorhandene Kioske aufgesetzt wird und so ein Stück Land in den urbanen Stadtraum integriert.
Marius Westermann
TU Dortmund