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Zukunft braucht Herkunft – oder die Nachfolgeregelung in Architekturbüros

Der fachliche Austausch auf den Architekturgesprächen zwischen JUNG, Architekten und Planern besteht seit 2006. Die Gespräche bieten in regelmäßigem Turnus eine ideale Plattform, um relevante Themen aus der aktuellen Architektur mit namhaften Referenten zu erörtern. Moderiert wurden die 8. JUNG Architekturgesprächen am 25. September 2013 von Bauwelt Chefredakteur Boris Schade-Bünsow.

Begonnen von einer ersten Aufstellung des zeitlichen Rahmens über die Suche und Auswahl potenzieller Kandidaten bis hin zum endgültigen Vertragsabschluss, gilt es gravierende Fragen zu klären. Damit gerät die Nachfolgeregelung zu einem komplexen, teils schwer überschaubaren Übergabeprozess. Ihren persönlichen schilderten Philipp Auer von Auer+Weber+Assoziierte GmbH, Martin Murphy von Störmer Murphy and Partners GbR und Gerhard Wittfeld von kadawittfeldarchitektur gmbh.

Wie viel Herkunft steckt in der Zukunft?
Architektur ist geprägt von einer individuellen Architektursprache – einem persönlichen Baustil. In diesem spiegelt sich die spezielle Haltung, die spezifische Arbeitsweise eines Büros. Kommen dann im Besonderen große Namen, wie Fritz Auer /Auer&Weber), Klaus Kada (Kadawittfeldarchitektur) oder Jan Störmer (Störmer Murphy and Partners GbR) hinzu, liegt es auf der Hand, dass ein Wechsel vor allem die entwerferische Seite berücksichtigen muss. Wie viel Persönlichkeit Philipp Auer, Martin Murphy und Gerhard Wittfeld in ihre Büros einbringen, war Gegenstand der Diskussion. Jörg T. Eckhold, Geschäftsführer der Eckhold Consultants GmbH, einer Unternehmensberatung mit jahrelanger Erfahrung in der Beratung von Nachfolgeregelungen für Architekten, Ingenieure und Planungsbüros in Tönisvorst, ergänzte die Debatte mit grundlegenden Fakten zur Nachfolgeregelung.

Auer&Weber: Generationswechsel in der Familie

Doch wie lässt sich das Erbe eines der wichtigsten Vertreter der modernen Architektur in Deutschland in die Zukunft führen? Wie viel Gemeinsamkeiten muss es geben und wo ist ein Wandel notwendig? 2001 trat Philipp Auer, als Sohn von Fritz Auer, zusammen mit seinem Bruder dem renommierten Büro Auer&Weber als Assoziierter bei. Der Vater ist heute nach wie vor als Architekt und Berater aktiv, das Büro jedoch zu hundert Prozent in der Hand der Söhne. Durch die verschiedenen Jahre und Generationen zieht sich die besondere Herangehensweise an Projekte wie ein roter Faden bei Auer&Weber. Die genaue Analyse und das landschaftsbezogene Arbeiten, zu sehen sowohl an Projekten wie dem Olympiastadion in München (1972) als auch der Erweiterung des ESO Hauptquartiers in Garching (2012), schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Anders als die Arbeitsweise hat sich die Bürokultur durch den Generationenwechsel bei Auer&Weber verändert: Das Unternehmen ist, unter anderem durch Bauten, wie dem des Centre Universitaire des Quais in Lyon/Frankreich (2014), dem Learning Center “Innovation” in Lille/Frankreich (gew. Wettbewerb 2013) oder des im Bau befindlichen Centre Aquatique des Grandes Combes in Courchevel/Frankreich (2014) heute internationaler ausgerichtet. Auch die Diskussionskultur hat sich modifiziert und ist offener geworden. Entscheidungen werden heute nach ausführlichen Debatten unter Beteiligung aller Mitarbeiter getroffen, oder wie Philipp Auer schildert: „Wir leben von Teams und die werden laufen gelassen“. Wichtiger als der gestalterische Kanon, ist das Verhalten der einzelnen Akteure in einem komplett freien Prozess. Daraus resultierend und aus der Vielzahl der Gebäudearten, wird es bei Auer&Weber auch kaum ikonenhaften Gebäude geben. Das Ziel: Diversifizierung vor allem gestalterisch zu schaffen. Dieser Bürostil ist an Projekten, wie dem ESO- Hotel am Cerro Paranal, Chile (2002) oder dem Salle Omnisport Azun Arena Antibes, Frankreich, einer Basketball Arena und einem Trampolinleistungszentrum (2012) zu erkennen.

Fragen an Philipp Auer - Oder warum Philipp Auer von einer „Wohnschachtel auf Stelzen“ träumt.
Philipp Auer
Auer+Weber+Assoziierte, 
München

Störmer Murphy and Partners: Partnerschaft auf Augenhöhe

Während bei Auer&Weber ein familieninterner Generationswechsel zu Veränderungen führte, ist bei Störmer Murphy and Partners die Persönlichkeit Jan Störmers für das Büro und dessen Kultur prägend. Mit dem Eintritt Martin Murphys 2004 als Partner bildet der Austausch zwischen den Partnern den Grundstein ihrer Architektur. Kulturelle und Generationsunterschiede stehen eher im Hintergrund, Persönlichkeit und Zwischenmenschlichkeit im Vordergrund. Immer nach der Devise, so erläutert Murphy, es ist nicht wichtig, wer die Idee hat, sondern das Ziel ist es das Beste aus einer Idee zu machen. Dieser Anspruch wird bei Störmer Murphy and Partners über einen lebendigen persönlichen Austausch in enger Zusammenarbeit mit allen am Bau Beteiligten realisiert. Eine Herangehensweise, die sich in Projekten, wie dem „Wissensquartier“ intelligent quarters als Teil der Hamburger Hafencity (2015), der Fassadengestaltung und Verbindungbrücke der Helm AG in Hamburg (2014) oder der Neugestaltung der ADAC Geschäftsstelle in der Hansestadt (2013) zeigt. Letztendlich sind sie alle das Resultat einer engen Zusammenarbeit und folgen der Maxime des Büros: „Architektur ist keine Frage des Stils, sondern immer eine Frage der Qualität, die nichts mit Mode oder Generationen zu tun hat“.

Fragen an Martin Murphy - Oder warum Martin Murphy findet, dass man guter Architektur eine harmonische Entstehungsgeschichte ansieht.
Martin Murphy
Störmer Murphy and Partners GbR, Hamburg

Kadawittfeldarchitektur: Wandern an der Grenze

Noch als Student lernte Gerhard Wittfeld Klaus Kada auf einem Vortrag kennen. Erst Jahre später, 1999, wurde er mit der Gründung des Büros kadawittfeldarchitektur Partner. Die langsamen Entwicklungsschritte, so Wittfeld bargen letztendlich den großen Vorteil der stetig zunehmenden Verantwortung.

Ähnlich wie bei Störmer Murphy and Partners, gilt bei kadawittfeldarchitektur: „Am Ende müssen Alle hinter dem Projekt stehen“. Damit gibt es keine formal vorgegebene Linie, sondern eine „Kultur des Zulassens“. Jeder Mitarbeiter hat eine hohe Eigenverantwortung durch verteilte Autorenschaft und die Arbeit in Pools statt in Projekten. Die Architekturhaltung Kadas, mit planerischem Mut an Projekte heranzugehen, bilden auch heute die Schnittmenge. Beispielhaft dafür, sind die europäische Akademie in Bozen (1999) und das Direktionsgebäude der Aachen Münchener Versicherung in Aachen (2010) zu nennen. Eine konsequente Weiterentwicklung des Kadas Stil von Wittfeld mit dem„Wandern an der Grenze“ umschrieben, ist das Keltenmuseum am Glauberg in Glauburg (2011), dessen Fassade aus Schwarzstahl mit Salzwasser berieselt wurde, bis sie einen samtigen Ton annahm. Ein mutiges Vorgehen, das hinsichtlich Gestaltung und Materialität überzeugt.

Fragen an Gerhard Wittfeld - Oder warum Gerhard Wittfeld Limits beim Bauen braucht.
Gerhard Wittfeld
kadawittfeldarchitektur, 
Aachen

Die Zukunft der Büros

Die individuelle Unternehmenskultur kennzeichnet unumstritten die drei Architektenbüros. Um in Zukunft zu bestehen, ist aber vor allem die Werthaltigkeit eines Büros entscheidend, stellt Unternehmensberater Jörg T. Eckhold klar. In der Architekturbranche sind das weniger monetäre Aspekte, sondern die Menschen und ihr Wissen. Um zukünftig erfolgreich Bestand zu haben, gilt es daher neue Mitarbeiter zu rekrutieren und weitergehende Konzeptionen zu finden, so Eckhold weiter.

Architektonisches Branding versus Schwarmintelligenz

Grundsätzlich, erläutert Philipp Auer, gibt es zwei Extreme in Architekturbüros. Die, die Ikonen schaffen und die Büros, die als reine Dienstleistungsarchitektur nur reagieren. Beide Formen beschneiden im Endeffekt aber die Kreativität. Dieser These folgt auch Gerhard Wittfeld mit der Aussage, „fast alle Büros werden scheitern, die sagen, das ist unser Ding. Denn man ist abhängig von der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter“.

Um Bestand zu haben, muss die also die Schwarmintelligenz des Teams genutzt werden. Doch wie gewinnt man Mitarbeiter? Die einvernehmliche Lösung sehen die Referenten in der Unternehmenskultur. So zeigen Auer&Weber dem Nachwuchs Perspektiven auf, wie man sich gestalterisch entwickeln kann. Bei Störmer Murphy and Partners ist das Betriebsklima vordergründig. Die Wertigkeit der Mitarbeiter hat einen hohen Stellenwert; die Architekturdiskussion findet auf horizontaler Ebene statt. Gerhard Wittfeld geht noch weiter und verweist zusätzlich auf Softskills bei kadawittfeldarchitektur. So gibt es einen Frauenanteil von 50%, die Hälfte der Mitarbeiter arbeitet in Teilzeit und das Angebot eigener Fortbildungen.

Um Zukunft zu gestalten braucht Gegenwart Herkunft

In jedem der Büros finden sich effektive Arbeitsmethoden und Herangehensweise, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart übernommen wurden. Gleichzeitig aber schärfen die neuen Protagonisten das Profil der Büros durch ihre persönliche Note. Das daraus entstehende stabile Gerüst aus Vergangenheit und Gegenwart ist es, was diese Büros mit Sicherheit auch in der Zukunft ausmachen wird.