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Inszenierung oder Zurückhaltung?
Raumkonzepte im Spannungsfeld zwischen Architektur und Kunst

Die Architektur selbst – die Baukunst – gilt als eine der „schönen Künste“. Unabhängig von der Frage, ob ein Architekt Künstler oder Techniker ist, stehen die Disziplinen in enger Beziehung zueinander: Einerseits durch die gesetzliche Verpflichtung bei öffentlichen Gebäuden „Kunst am Bau“ zu integrieren, andererseits durch die Museumsarchitektur, die den Raum für die Kunst schafft.

Wie lässt sich Kunst präsentieren? Sollte die Architektur selbst als Kunstwerk in den Vordergrund treten oder vielmehr als zurückhaltende Kulisse dienen? Diesen und weiteren Fragen rund um das Thema Architektur und Kunst widmeten sich die 11. JUNG Architekturgespräche am 9. Juni 2016 in der IHK Stuttgart.

In ihren Vorträgen veranschaulichten Prof. Roger Riewe und Prof. Enrique Sobejano anhand ausgewählter Museumsprojekte die Wechselwirkung zwischen Architektur und Kunst. Als Überraschungsgast präsentierte Julian Schubert von Something Fantastic aus Berlin das Konzept zur Gestaltung des deutschen Pavillons auf der 15. Architekturbiennale in Venedig. Moderiert wurde die Veranstaltung von Boris Schade-Bünsow, Chefredakteur der Bauwelt.
Boris Schade-Bünsow
Redaktion Bauwelt
Bauverlag BV GmbH,
Berlin

Ausstellen vs. Darstellen, Präsentieren vs. Repräsentieren
Museen sollten für Prof. Roger Riewe „Räume für Kultur bilden, um dort darstellen zu können“. Die Architektur bildet für ihn somit den Rahmen zur Entfaltung der Kunst. Sein Grazer Büro Riegler Riewe Architekten gewann 2007 den Wettbewerb zum Neubau des Schlesischen Museums in Kattowitz. Auf dem Gelände einer stillgelegten Zeche schlugen sie ein unterirdisches Ausstellungs- und Raumkonzept vor, das für die postindustriell geprägte Stadt an der Oberfläche neue Aufenthaltsqualitäten lieferte: Diese neu geschaffene Kulturachse mit ihren Landschaftsflächen avancierte schnell zum neuen, belebten Zentrum der Stadt. In Kooperation mit Arno Brandlhuber setzten Riegler Riewe Architekten in der St. Agnes Kirche in Berlin Kreuzberg das Konzept des „Kunst-Raums“ um. Der ehemalige sakrale Raum ist so wandelbar, dass er differenzierte Nutzungen – von der traditionellen Ausstellungsfläche bis hin zur Eventlocation – annehmen kann. Durch einen, aufgrund denkmalpflegerischer Vorschriften theoretisch demontierbaren „Betontisch“, wurde der Raum neu strukturiert und als Denkmal im Sinne Werner Düttmanns (1921-1983 deutscher Architekt, Stadtplaner und Maler) weitergebaut.
Prof. Roger Riewe
Riegler Riewe Architekten
Graz/Kattowitz/Berlin

Architektur als Kunstwerk
Für Prof. Enrique Sobejano sollen Museumsgebäude selbst zur Kunst werden und mit ihr eine Symbiose eingehen. Er präsentierte verschiedene Entwurfsansätze seines Büros Nieto Sobejano Arquitectos, Madrid/Berlin, in denen sich das Gebäudekonzept unmittelbar aus der auszustellenden Kunst ergab. So entwickelte sich das Dach des Moritzburg Museums in Halle (Saale) auf Grundlage eines Bildes von Lyonel Feininger und die Form des Arvo Pärt Zentrums in Estland aus der tonalen Komposition seines „Te deum". Die Perforation der Fassade des San Telmo Museums ist ein Spiel aus verschiedenen Maßstäben des Lageplans von San Sebastian und damit unmittelbar mit dem Ort verknüpft. In Cordoba entstand die Fassade des Zentrums für zeitgenössische Kunst aus abstrahierten Ornamenten der Alhambra-Region. Museumsarchitektur ist für Sobejano keinesfalls nur Kulisse: Der architektonische Raum muss mit der Kunst verschmelzen, bis ein Gesamtkunstwerk entsteht.
Prof. Enrique Sobejano
Nieto Sobejano
Madrid/Berlin

Architektur ist nicht ausstellbar
Julian Schubert von Something Fantastic aus Berlin behandelte in seinem Überraschungsvortrag die Problematik, das Architektur aufgrund ihrer Maßstäblichkeit gar nicht auszustellbar ist, sondern der architektonische Raum nur über mediale Werkzeuge inszeniert und übertragen werden kann. Zusammen mit dem DAM konzipierte Something Fantastic den deutschen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig 2016. Als sehr junges Büro erhielten sie die Chance, ein Thema, mit dem sie sich schon lange auseinandersetzen in prominenter Atmosphäre zu inszenieren – vom Einladungsflyer über den Ausstellungskatalog, bis hin zur Gesamtpräsentation und Kommunikation im Pavillon.
Julian Schubert
Something Fantastic
Berlin