Zurück „Future Living“ – städtebauliche Herausforderungen im 21. Jahrhundert

Die Menschen hierzulande werden immer älter. Mit zunehmendem Alter aber verändern sich auch die Bedürfnisse. Schön, wenn dann die Wege zu Bäckerei und Supermarkt möglichst kurz sind. Und eine gute Anbindung an den Nahverkehr den Besuch von Theater oder Sportverein weiterhin ermöglicht. Um dieses zu gewährleisten, stehen die Gemeinden vor städtebaulichen Veränderungen.

Bezahlbarer Wohnraum wird knapper

Neben den Bedürfnissen der Menschen, verändert sich aber auch die Art wie wir wohnen. Immer mehr Menschen leben in Singlehaushalten. So nimmt bei sinkender Bevölkerungszahl die Anzahl der Haushalte stetig zu. Und das vor allem in Städten. Eine Entwicklung, die nicht folgenlos bleibt. Die Preise für Immobilien steigen beständig und bezahlbarer Wohnraum, gerade in Ballungszentren, wie München oder Hamburg, wird immer knapper. Auf der anderen Seite stehen Gebäude in ländlichen Regionen leer. Käufer finden sich hier kaum noch. Und was heute in vielen Regionen bereits Realität ist, wird sich in Zukunft als bundesweiter Trend fortsetzen. Deutschland wird demnach vor allem in den Städten alt. Deshalb müssen die Städte der Zukunft, so Boris Schade-Bünsow, Heimat und Identifikation bieten und Komfort und Lebensqualität für ältere Menschen erhalten. Um das zu gewährleisten muss der Zugang zu sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und versorgungsrelevanten Infrastrukturen allen Bewohnern offenstehen.

Fragen an Boris Schade- Bünsow – Oder warum Boris Schade- Bünsow keine UFOS mag.
Boris Schade-Bünsow
Chefredakteur Bauwelt, Berlin

Energieeffizientes Wohnen

Mit der Einwohnerzahl steigt der Energiebedarf. Schon heute werden 50% des Energieaufwandes für Gebäude benötigt. 40% davon direkt und 10% um von einem Gebäude oder Teil der Stadt zum anderen zu kommen. Ein Problem: Denn 75% der Gebäude sind vor 1978 errichtet worden und damit energetisch in einem bedenklichen Zustand. Die Folge: Mit dem Energieverbrauch steigen auch die Energiekosten.

Architekten stehen damit schon heute vor der Herausforderung, diese demografischen und energetischen Entwicklungen bei der Planung und Umsetzung ihrer Projekte einzubeziehen. Auf den 8. Architekturgesprächen in München präsentierten die Architekten Dipl.-Ing. Carsten Venus von blauraum architekten/Hamburg, Ulrich Vetter von LÉON WOHLHAGE WERNIK/Berlin sowie Dipl.-Ing. Alexander Nägele von SoHo Architektur/ Memmingen, ihre Visionen vom Future Living.

Anpassungsfähigkeit der Stadt

Den Kernpunkt sieht Dipl.-Ing. Carsten Venus von blauraum architekten/Hamburg in der Anpassungsfähigkeit der Stadt. Um Gebäude und damit die Stadt als ganzes zukunftsfähig zu gestalten, müssen Architekten zukunftsrichtend planen. Genau das ist aber in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht geschehen. Gebaut wurde immer für die Gegenwart, nicht aber für kommende Generationen, so der Architekt. Damit ist der jetzige Zeitpunkt ein Moment des Neustarts. Anhand zweier Wohnungsbauprojekte in Hamburg erläutert Venus mit welchen baulichen Veränderungen und Erweiterungen blauraum Bestandsbauten energetisch und räumlich zukunftssicher ausrichtet. Das Wohnumfeld bleibt, während die Ökobilanz der Wohnungen den steigenden Energiekosten Rechnung trägt und sich die Bau- oder Umbaukosten des Bauherrn durch hohe Preise amortisieren.

Fragen an Carsten Venus – Oder warum Carsten Venus eine Herausforderung für Hausbewohner ist.
Dipl.-Ing. Carsten Venus
blauraum architekten Planungsgesellschaft mbH, 
Hamburg

Architektur ist people management

Für Ulrich Vetter von LÉON WOHLHAGE WERNIK/Berlin spielt sich Future Living architektonisch größtenteils im Kopf ab. In der Realität zeige sich vielmehr Present oder sogar Past Living. Denn Architektur, so Vetters Erklärung, ist überwiegend people management. Was bedeutet, dass nicht der Architekt mit seinen Vorstellungen und Wünschen über Entwurf und Umsetzung von Bauprojekten entscheidet. Vielmehr machen der Bauherr, der Markt, die Gesellschaft und die Lage ihren Einfluss bei der Entstehung von Bauten geltend. Diese fünf – teilweise konträren Subjekte – bestimmen demnach wie wir wohnen, belegt Vetter anhand seiner vorgestellten Projekte in Stuttgart Vaihingen/ Rosenpark, München/Wohnen am mittleren Ring, München/ The Seven, München/ Frankfurter Ring sowie Berlin/Kunstcampus.

Fragen an Ulrich Vetter – Oder warum Ulrich Vetter auf der Suche nach dem Raum ist.
Ulrich Vetter
LÉON WOHLHAGE WERNIK, Berlin

Bebauungspläne hinterfragen

Dipl.-Ing. Alexander Nägele von SoHo Architektur/ Memmingen interessiert an Future Living vor allem die Ausgangssituation der Orte, an denen Architektur entsteht oder Bestehendes sich verändert. Seine Forderung: Architekten sollten sich nicht nur auf Bebauungspläne verlassen, sondern vielmehr bei jedem Projekt das eigene Selbstverständnis ausloten. Immer mit dem Vorsatz, zu verbessern und zu verändern – auch gegen die teilweise entgegengesetzten Bestimmungen von Ämtern und Verordnungen. Nägele zeigt an drei unterschiedlichen Projekten in Memmingen und Umgebung – der energetischen Sanierung eines Anbaus, einem Neubau mit geringem Budget und der Sanierung eines Altbaus – wie Bauprojekte nach längeren Auseinandersetzungen zu einem zukunftsträchtigen Erfolg führen.

Gemeinsam ist Allen damit das Ringen um das beste Ergebnis, wobei sich auch ein Kompromiss als Lösung darstellen kann. Ein Kompromiss, der für uns Alle von Bedeutsamkeit ist. Denn schließlich bestimmt der Ort, an dem wir wohnen, in einem großen Maß private Kontakte und berufliches Fortkommen und ist damit entscheidend für existentielle Bereiche des Lebens.

Fragen an Alexander Nägele – Oder warum Alexander Nägele ein Gegenüber wichtig ist.
Dipl.-Ing. Alexander Nägele
SoHo Architektur, Memmingen