10 Fragen an Simon Frommenwiler und Ritz Ritzer

Oder warum es für Simon Frommenwiler wichtig ist, aus dem eigenen Kulturkreis auszubrechen.

Oder warum sich Ritz Ritzer von Bildhauerei angemacht fühlt.

Gute Architektur sollte…?

Ritz Ritzer: „… in sich konsequent und trotzdem menschlich sein. Ich glaube, dass gute Architektur auch von Fehlern lebt“.

Haben Sie ein Beispiel für gute Architektur?

„Vielleicht sind es die Gebäude eines Alvar Aalto (finnischer Architekt und Designer) von dem man auch sagt, dass er der Moderne die Menschlichkeit eingehaucht hätte. Und ich finde, das ist genau das Spannungsfeld – zwischen der technisch, ästhetischen Perfektion auf der einen Seite, und auf der anderen Seite diesem kleinen Zungenschlag, der etwas sehr persönliches hat. Eine Mischung aus etwas sehr rationalem und etwas sehr persönlichem, irrationalen“.
Simon Frommenwiler: „Das ist lustig. Ich hätte es zwar anders formuliert, aber meine Meinung geht in eine ähnliche Richtung. Ich denke, dass gute Architektur nicht abschließend sein darf. Als Einsatz gibt es einen starken Gestaltungswillen, andererseits muss Architektur aber auch Leben ermöglichen. Sie muss das Unvorhergesehene aufnehmen können und was ich auch denke, was für gute Architektur sehr wichtig ist, ist dass es oft ein Prozess ist, in dem viele Dinge zusammenkommen. Es braucht gute Partner und der Architekt ist nur einer davon“.
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Gute Architekten sollten…?

Simon Frommenwiler: „… die Aufgabenstellung konstruktiv kritisch hinterfragen. Im besten Fall geschieht dies zusammen mit dem Bauherrn. Und das ist ein gemeinsamer Weg“.
Ritz Ritzer: „Gute Architekten sollten zum Dialog bereit sein. Zum Dialog mit dem Bauherrn, mit den Behörden mit der Umwelt – Dialog auch mit toten Gegenständen“.

Gibt es Gebäude, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?

Simon Frommenwiler: „Es gibt schlechte Architektur, mittelmäßige, gute und dann gibt es Architektur, die eine fast religiöse Stimmung auslöst. Eine feierliche Stimmung, an der man merkt, da ist eine andere Ebene – eine, die sehr berührt. Und davon gibt es ganz wenig. Ein Beispiel ist für mich die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille. Das war für mich wirklich ein „Aha-Moment“. Ich hatte das Glück dort eine Wohnung anzuschauen und habe Stunden danach nichts sagen können. Denn ich musste erst einmal verarbeiten, wie unfassbar gut das Gebäude ist“. (beide lachen)

Geht Ihnen das auch so?

Ritz Ritzer: „Ich war zuletzt von der Philharmonie von Hans Scharoun in Berlin begeistert. Jeder Weg dadurch führt zu Begeisterung. Die gesamte Durchwegung, die gesamte Begegnung mit Details, die Zurückhaltung in den Materialien, in der Wahl der Mittel, das begeistert mich unheimlich“.
Simon Frommenwiler: „Ich finde, das ist wirklich ein sehr interessantes Beispiel. Denn nebendran gibt es ja noch die kleine Philharmonie, erbaut von einem langjährigen ehemaligen Mitarbeiter Scharouns. Und wenn man sich diese beiden Gebäude anschaut, die formal so viel miteinander zu tun haben, so wenig haben sie auf Ebene des Berührens miteinander zu tun“.
Ritz Ritzer: „Das ist richtig, es funktioniert einfach nicht. Es ist sehr – sagen wir - mechanisch“.
Simon Frommenwiler: „Durchdekliniert“.
Ritz Ritzer: „ Es will perfekt sein, aber das ist genau das, wodurch mir die Brüche fehlen“.
Simon Frommenwiler: „Und so funktioniert es eben genau nicht.“

Von wem hätten Sie sich gerne Ihr Haus bauen lassen?


Simon Frommenwiler: „Ich hatte nie den großen Traum, ich muss unbedingt für mich selber bauen. Und deshalb habe ich ganz spontan gesagt, eigentlich würde ich mir von meinen Kollegen Buchner Bründler aus Basel ein Haus bauen lassen. — Das fände ich irgendwie cool. (beide lachen) Und denen würde ich wirklich ziemlich freie Hand lassen“.
Ritz Ritzer: „Ich könnte mir Chipperfield unheimlich gut vorstellen. Weil der eine Architektursprache spricht, die sehr auf das Material eingeht, sehr zurückhaltend dabei ist, aber unheimlich schöne Räume und schöne Details entwickelt. Und das mit adäquaten Mitteln“.

Was bedeutet für Sie Zuhause?

Ritz Ritzer: „Zuhause ist ganz viel an die Menschen gebunden. Der Freundeskreis ist das Zuhause. Den Ort kann man – glaube ich – sehr gut wechseln, ohne sein Zuhause zu verlieren. Trotzdem hat man natürlich einen Anspruch an den Ort und nimmt diesen bei einem Umzug mit und würde ihn auch gerne wieder verwirklicht sehen“.
Simon Frommenwiler: „Ich denke auch, in der Hauptsache ist es das Umfeld. Die Menschen und die Kultur. Wenn man fremd in einer Kultur ist, dann fühlt man sich auch an dem Ort fremd. Ich war jetzt gerade mit meiner Familie, meinen beiden Kindern, meiner Frau und unserem Hund ein halbes Jahr in Cambridge/ Boston. Und wenn ich da in den Räumen gewesen bin, hatte ich schon das Gefühl, es ist auch der Raum, der mir ein Zuhause gibt. Aber wenn ich mit der Familie an einem anderen Ort bin, dann geht es mir sehr schnell wieder ähnlich. Deshalb sind es vor allem die Menschen“.

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Simon Frommenwiler: „Was mich antreibt, ist immer zu überlegen, was kann man mit den Dingen erreichen, was kann man verändern, was ist die Zukunft? Ich bin jemand, der in der Architektur immer nach vorne schaut. Mich inspiriert Musik, mich interessiert, was wird heute für Musik gehört, was für Mode wird getragen – und obwohl ich das nicht übernehmen muss, interessiert mich alles, was in Bewegung ist. Was die Dinge neu denkt“.
Ritz Ritzer: „ Musik ist ein gutes Stichwort. Ich beschäftige mich seit drei Jahren mit Eduardo Chillida, einem baskischen Bildhauer. Der macht mich einfach an. Sowohl seine Grafik, als auch seine Skulpturen. Und er bezieht sich – unter anderem – sehr stark auf Johann Sebastian Bach. Und er stellt eine sehr schöne Beziehung zwischen Architektur, Raum und Musik her. So sagt er, wenn er in der Hagia Sophia (Istanbul/ Türkei) ist, er fühle sich wie im Bauche Bachs. Und Alltagsarchitektur inspiriert mich. Wir machen viel Wohnungsbau und da kommt es ganz oft auf die kleinen Details an. Ganz normale Dinge, die ich als Mensch empfinde – wo kommen die Sonne und der Wind her, wie gehe ich auf ein Haus zu. Dinge, die ich überall auf der Straße beobachten und einschätzen kann. Es sind gar nicht die großen Meister: die beeindrucken, aber inspirieren mich nicht so“.

Worin sehen Sie die künftige Herausforderung für Architekten?

Ritz Ritzer: „Aktuell ist eine Herausforderung damit umzugehen, dass der Bürger immer mehr Einfluss auf Planungsprozesse nimmt. Was richtig ist. Und da ist die Herausforderung offen den Dialog mit dem Bürger, dem künftigen Bewohner eines Gebäudes zu führen. Und zwar so, dass die Architektur dabei nicht beliebig wird, sondern, dass der Architekt die Führungsrolle behält, aber die Einflüsse aufnehmen kann. Diese Partizipation, diese Auseinandersetzung mit den Bürgern, ist bei uns im Büro ein ganz zentrales Thema. Teilweise haben wir 90 Bauherren am Tisch und müssen versuchen, durch Workshops und Dialogmodelle in den Griff kriegen, dass das Gebäude nicht vollkommen auseinanderfällt. Der schöne Effekt aber ist, wenn die Leute einziehen, kennen sich alle untereinander, haben an der Entwicklung zum Gebäude mitgearbeitet und fühlen sich dann gleich wohl und Zuhause“.
Simon Frommenwiler: „Wir beschäftigen uns momentan sehr stark mit der Frage, wie können wir die Architektur wieder zurück in die Nachhaltigkeitsdiskussion bringen? Dass es nicht mehr eine rein technische Nachhaltigkeit ist, sondern eine architektonische. Und das bedingt eine gewisse Offenheit, eine gewisse Flexibilität für künftige Nutzungen, die im Moment des Projektes vielleicht noch unbekannt sind. Das andere Thema ist das günstige Bauen, welches in der Schweiz fast nicht mehr möglich ist, weil die Anforderungen technischer, und physikalischer Natur so extrem gestiegen sind, dass eigentlich alles was du machst immer nur teuer ist. Das ist auf lange Sicht ein ganz großes Problem. Denn es so fast nicht mehr möglich, Mietbau zu machen. Längerfristig aber ist es eigentlich so, dass sich niemand mehr Mietwohnungen leisten kann und diese auch nicht mehr gebaut werden“.
Ritz Ritzer: „ Die werden nicht mehr erstellt, weil die Grundpreise in der Schweiz so hoch sind?
Simon Frommenwiler: „ Ja, und weil niemand vier- oder fünftausend Euro für eine fünf-Zimmerwohnung bezahlen kann und will. Das Problem ist, es gibt in Zürich viele Genossenschaftswohnungen, auf hohem Niveau, aber wenn man nicht irgendwo Vitamin B hat, kommt man da nicht ran“.
Ritz Ritzer: „ In München gründen sich junge Genossenschaften. 20-30 Interessenten schließen sich zusammen, bewerben sich um ein Grundstück, entwickeln ein Wohn-Projekt - und die Stadt stellt hierfür Grundstücke bereit, zu anderen Konditionen als für die Bauträger“.
Simon Frommenwiler: „ In Basel gibt es das auch, aber hier bauen Architekten zusammen mit Genereralunternehmen, welche zum Schluss dann das Programm diktieren. Bei privaten Bauherren versuchen wir Mischprojekte zu realisieren, in denen über den Bau von Eigentumswohnungen und deren Gewinn auch Mietwohnungen möglich sind. Aber das geht natürlich nur ab einer gewisse Größe“.

Was raten Sie jungen Architekten?

Ritz Ritzer: „Ich glaube, dass der Markt für Absolventen eigentlich ganz gut ist. Sicherlich ist es gut, wenn man die Ausbildung pluralistisch sieht, also an verschiedenen Hochschulen studiert, ins Ausland geht. Und sie sollten sehr offen sein !
Simon Frommenwiler: „Ich denke auch, dass es ganz wichtig ist, dass man aus dem eigenen Kulturkreis, aus den eigenen vier Wänden ausbricht. Während der Architekturausbildung wird einem ja auch gesagt, was gut und was schlecht ist. Das ist auch wichtig, aber es ist auch wichtig, sich davon wieder zu befreien. Und man sollte in unterschiedlichen Büros arbeiten, Dinge ausprobieren. Und wenn man mal als Praktikant arbeiten muss, obwohl man schon Architekt ist, dann ist es ebenso. Man sollte nicht immer den schnellsten und bequemsten Weg gehen.
Ritz Ritzer: „Da fällt mir ein, was Otto Steidle einmal gesagt hat: „Wenn man einmal ein Konzept entwickelt hat, kann man es auch wieder verlassen“. Und ich finde, in diesem Zusammenhang passt diese Aussage. Denn ein Konzept ist ein Denkmodell, ein Vehikel. Damit schließt sich der Kreis zu der eingangs geäußerten Bemerkung, von der Vermenschlichung der Architektur. Wenn das Konzept einmal steht, dann kann man daraus auch wieder ausbrechen und ihm wieder eine individuelle Note geben“.

Wenn Sie nicht Architekt geworden wären, wären Sie jetzt?

Simon Frommenwiler: „ Also, ich habe mal ein Jahr Jura studiert... (Erstaunen bei Ritz Ritzer) … bevor ich Architektur gemacht habe. Das aber mehr, weil ich aus einer Architektenfamilie komme und mich von dem befreien wollte. Und dann habe ich gemerkt, dass es eigentlich allen egal ist, nur mir nicht (alle lachen).
Ritz Ritzer: „Mich hat immer dieses Zusammenspiel von Technik und Gestaltung wahnsinnig interessiert. Bevor ich studiert habe, habe ich Zimmermann gelernt. Und ich merke, wie mich dieses Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis nach wie vor begeistert. Hätte ich die Möglichkeit zum Studium nicht gehabt, wäre ich vielleicht Zimmermann geblieben“.
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